Zwanzig Tage im Pfarrershaus – und im Gefühlsgefängnis: Szene aus Cornelia Rainers Inszenierung mit (v.li.) Gertrud Roll (Madame Oberlin), Clemens Ansorg (Martin), Markus Meyer (Lenz), Manfred Böll (Pfarrer Oberlin). foto: wolfgang kirchner

Salzburger Festspiele

Achterbahn der dunklen Gefühle

Salzburg - Respektvoller Umgang mit Mensch und Thema: Die Kritik der Uraufführung von „Jakob Michael Reinhold Lenz“

Ein theatrales Bergvölkchen-Treffen ist die Uraufführung von „Jakob Michael Reinhold Lenz“ geworden. Premiere feierte das neue Stück für die Reihe Young Directors Project (YDP) der Salzburger Festspiele am Freitagabend im republic. Die Regisseurin Cornelia Rainer kommt aus dem Tirolerischen; ihre Gruppe nennt sich „Theater Montagnes Russes“ (russische Berge); die Musik stammt von der Schweizer Trias „Schi-Lunsch-Naven“ mit Sophie Hunger, Christian Prader und Julian Sartorius; und Lenz fühlte sich im Gebirge wohl, ja seine Verzweiflung schien leichter zu werden.

Die zerrissene Seele und der große Geist dieses Mannes, dessen Stücke „Der Hofmeister“ und „Die Soldaten“ (in Salzburg als Oper von Bernd Alois Zimmermann ab 20. August präsent) heute noch gespielt werden, sind uns gegenwärtig. Das ist vor allem Georg Büchner zu verdanken, der jenem in seiner Erzählung „Lenz“ ein nicht zu übertreffendes Denkmal setzte. Mit Gespür für die dokumentarische Basis hatte er die Aufzeichnungen des elsässischen Pfarrers Johann Friedrich Oberlins verwendet. Dieser hatte Lenz aufgenommen. Rainer und Dudek haben nun ihrerseits Texte von Lenz, Oberlin und Büchner in ihre Festspiel-Version verwandelt. Auch sie dreht sich nur um die 20 Tage, die Lenz, der abservierte Freund von Goethe, in jenem Vogesen-Dorf Waldersbach im Steintal verbrachte.

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Lenfert hat auf die republic-Bühne eine schlichte Holzachterbahn gebaut – schließlich bedeutet „montagnes russes“ auch „Achterbahn“. Die verfremdeten Berge umfangen in der einen Schleife die ärmliche Küche der Oberlins, die andere dient als Kirche. Das Traggerüst ist zugleich Lenz’ Kammer und Gefühlsgefängnis. Und alles zusammen dient Schlagzeuger Sartorius als Instrument. Zu Beginn der Aufführung erweckt er mit seinen Klöppeln das Bühnenbild gewissermaßen zum Leben. Lenz liegt dabei still hingestreckt am Boden. Er erwacht zum kratzenden Schreiben, und der Musiker verstärkt das Kreisch-Geräusch mit hin- und hergeschobenen Stühlen. Immer wieder werden sich die Qualen des Kranken als Klang-Irritation nach außen stülpen.

Diese Strategie müsste Cornelia Rainer allerdings systematischer einsetzen. So bleibt ihre Inszenierung zu vorsichtig. Angesichts der vielen läppischen Regiemoden heute ist ihr Ansatz des respektvollen Umgangs mit Mensch und Thema aber eine Wohltat. Ihr und den „Montagnes“ ist Mut zuzusprechen, auf ihrem Weg weiterzugehen.

Bei „Jakob Michael Reinhold Lenz“ folgt vor allem schlicht erzähltes Theater. Per Einblendungen gibt es zunächst Informationen über den historischen Pfarrer Oberlin, der viel für die extrem arme Gegend geleistet hat. In diese bescheidene Idylle der vierköpfigen Familie plus Magd und Scheidecker schneit im Winter 1778 der 27-jährige Fremdling herein. Kluge, fast beiläufige Akzente setzt Rainer da: Der Mann wird zwar aufgenommen, aber der Stuhl wird ihm verweigert. Genauso wie die Suppe. Hocker und ein trockener Brotkanten müssen reichen. Ohne je plakativ zu sein, zeigt die Inszenierung, wie Hierarchie und Armut einst funktionierten. Auch bei guten Menschen. Das war die Falle, aus der Lenz sein Leben lang zu klettern versuchte – ohne jede Hoffnung. 1792 stürzte der ruhelose Außenseiter auf einer Moskauer Straße tot zu Boden.

Im Steintal rast Lenz zwar durch die Achterbahn seiner dunklen Gefühle – sieht jedoch die Gefahr und will zur Ruhe kommen. Er, der Sohn eines livländischen Pfarrers, und Pfarrer Oberlin treffen sich im Gebet – auch im knorrigen Kirchenlied und elegischen Volkslied (der Schweizer). Mutig pocht die Regisseurin immer wieder auf diese uns heute so fremd gewordene Kraftquelle. Arbeitet heraus, dass Großmut und Kleinlichkeit im christlichen Glauben koexistieren und einander bekämpfen, denunziert aber nie den biederen Oberlin (Manfred Böll) oder die anderen.

Im feinen (Wider-)Spiel von Markus Meyers Lenz spiegelt sich die Hilfsbereitschaft, aber auch die Beschränktheit der (Ein-)Heimischen/Angepassten dem totalen Fremdling gegenüber. Es ist schön zu sehen, dass Meyer seine Figur nicht zukleistert mit theaternden Klischees von Geisteskranken. Er gibt diesem Lenz vielmehr ein zartes Entgegenkommen, ja Nachgiebigkeit, ein genaues Wahrnehmen der anderen – und dann wieder Ausbrüche, Einbrüche und Zusammenbrüche.

Vorstellung nur noch am Montag; Telefon 0043/ 662/ 8045-500. Weitere YDP-Stücke ab 18. August.

Aus Salzburg berichtet Simone Dattenberger

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