Achtung eines inneren Gebots

- "Ich habe gegrübelt, worüber ich heute in meiner Danksagung sprechen könnte, und in diesen Überlegungen drängte sich ein einziger Gedanke vor: Die Bedeutung des Widerstandes. Zwei blasse Leichen junger Leute, die hier ihr Leben ließen, kamen mir nicht aus dem Sinn. Mit ihnen ist der Geschwister-Scholl-Preis verbunden, und das ist das Thema, das jedes andere verdrängt."

<P>So begann Raul Hilberg in der voll besetzten Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität seine Danksagung. Dank an den Verband Bayerischer Verlage und Buchhandlungen sowie die Stadt München, die den renommierten US-Historiker für sein Buch "Die Quellen des Holocaust" mit dem Scholl-Preis ehrten.</P><P>Hilberg (76), der sein gesamtes wissenschaftliches Leben in den Dienst der Erforschung gesellschaftlicher Grundlagen des Holocaust gestellt und auf diesem Gebiet Fundamentales geleistet hat, sprach in seiner höchst bemerkenswerten Rede voller Gefühl von dem Mut junger Menschen. Es gab zweierlei Widerstand, sagte er. Den praktischen wie Sabotage oder Streik und jenen, der aus der Achtung eines inneren Gebots heraus entstand und in die "weiteste Ferne" wies.</P><P>Hilberg erinnerte unter anderem an drei Jungen in Belgien, einen Juden und zwei nichtjüdische Freunde, "die einen nach Auschwitz fahrenden Sonderzug mit einer Laterne aufhielten, Türen von drei Waggons aufrissen und 231 Juden befreiten, von denen 205 überlebten". Die Schlussfolgerung des Historikers: Alle, die ihre Aufgabe strategisch vorbereiten konnten, hatten zumindest "einen gewissen Spielraum". Diese Menschen, "die sich aus Prinzip gegen das Nazi-Regime auflehnten, sind jetzt unsere ganz besonderen Wegweiser. Sie zeigen uns, was wir am höchsten werten sollen und wie wir uns im äußersten Notfall zu verhalten haben. Das hatten schon die alten Propheten gelehrt, und das ist noch heute so."</P><P>Umgekehrt aber, so Hilberg, hatten die Widerstandskämpfer, die sich aufopferten, "keine Vorstellung davon, wie man sie eines Tages feiern würde. Lichtenberg konnte sicher nicht seine Seligsprechung voraussagen. Der 24 Jahre alte Leiter der jüdischen Ghetto-Revolte in Warschau, Mordechai Anielewicz, hätte vom Erscheinen seines Bildnisses auf einer israelischen Briefmarke nicht einmal träumen können." Und die Geschwister Scholl hätten sich einen Abend wie den dieser Preisverleihung schon gar nicht vorstellen können. Bei diesen Worten hatte jeder der Anwesenden das gute, sichere Gefühl: Einen würdigeren Empfänger des Geschwister-Scholl-Preises als Raul Hilberg hätte es nicht geben können.</P><P>Das machte auch Historiker Hans Mommsen in seiner vorzüglichen Laudatio deutlich. Hilberg, der gebürtige Wiener, der 1929 zusammen mit seiner Familie über Kuba in die USA ausgewandert ist, erhielt in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs den entscheidenden Anstoß, sich mit der Geschichte des Holocaust zu befassen. Er kam damals als amerikanischer Soldat nach München und "spürte im Braunen Haus Teile der Privatbibliothek Adolf Hitlers auf".</P><P>Die Richtlinie fürs spätere Studium war damit gezogen. Doch das Thema seiner Forschung, "Die Vernichtung der europäischen Juden", war in den 60er-Jahren in Amerika durchaus nicht opportun. Einer der Vorwürfe gegen den Preisträger: Er habe die individuelle Verantwortlichkeit der Täter verdeckt und diese zu weitgehend "willenlosen Werkzeugen von Strukturen gemacht". Jetzt jedoch gilt Hilberg als der maßgebliche Kenner des Holocaust. Er lehrt uns Heutige, dass "nicht das Wegsehen, sondern das Hinsehen befreiende Wirkung hat".<BR></P>

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