Addio Dino

- Mag der Meteorit auch auf die Erde geplumpst sein oder die Eiszeit alle Artgenossen kalt gemacht habe: Einer hatte sich gerettet. Ein Prachtexemplar von Tyrannosaurus. Und trotz der mächtigen Beißerchen so friedlich. Wahrscheinlich signalisierte das geöffnete Maul sogar ein leichtes Grinsen ob der Gags, die zwölf Jahre lang neben seinen Klauen geschahen.

Ein letztes Mal wurde er nun aus der Vertikalen auf die Bühne des Nationaltheaters gekippt. Langsam und unbegleitet von Buhs (wie noch bei der Premiere) oder Szenenapplaus der Fans (wie bei kultigen Wiederaufnahmen). Ganz still war's diesmal, ganz ehrfüchtig ruhig - oder sollten da einige Augen feucht geworden sein? Denn mit "Giulio Cesare" ist Schluss: Was 1994 als Händel-Urknall der Bayerischen Staatsoper den totalen Barock-Boom bescherte, wird nun eingemottet. Eine Produktion, die wie keine andere die Ära von Intendant Sir Peter Jonas symbolisiert. Die auch, wie nun die letzte Vorstellung während der Festspiele bewies, erstaunlich frisch geblieben ist.

Trotz Dino, Haie und Rieseninsekten: Richard Jones und Ausstatter Nigel Lowery müllten ja nicht - wie andere Kollegen am selben Ort - die Bühne zu. Sie verfolgten vielmehr ein klar umrissenes Konzept, waren auch feinsinniger als manch grelle Ästhetik, die ihnen folgte. Amir Hosseinpours witzig-kreative Choreographie ist an diesem Haus ohnehin unerreicht. Doch das Wichtigste: Diese Regie blockiert nie die Sänger, stellt sie vielmehr in den Mittelpunkt einer fantasiereichen, satirischen Welt.

Drei dieser Sänger sind noch von der Premiere übrig, von denen Axel Köhler (Nireno) die meiste Stimmsubstanz herübergerettet hat. Ann Murray in der Titelrolle nimmt ihren Mezzo inzwischen klug zurück, weiß aber, an welchen Stellen sie punkten kann. Und Christopher Robson (Tolomeo) ist nicht mehr der verzogene Junge, sondern ein gesetzter gewordenes Ekel, dessen Counter längst ins Charakterfach gerutscht ist.

Susan Grittons Cleopatra neigte zum dramatischen Tragödienton; Daniela Sindram (Sesto), Christian Rieger (Curio), vor allem Clive Bayley (Achilla) ergänzten eine sehr geschlossene Ensembleleistung. Herausragend: Sonia Prina, die mit vokalem und darstellerischem Temperament die Cornelia zur barocken Carmen machte.

Kein graues Haar hat Ivor Boltons Interpretation bekommen. Als ging's um die Premiere, so lustvoll, frisch und flexibel wurde im Graben musiziert. Und dem "Cäsar"-Finale angemessen, gab es aktuelle Gags: Robson steckte Pompeos Torso eine Deutschlandfahne in den Hals, später prallten zwei Tänzer in DFB- und Portugal-Trikots aneinander. Trampeln und Standing Ovations - auch den Letzten seiner Art hat's also erwischt: Addio Dino, Dich werden wir vermissen.

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