11. ADEvantgarde-Festival: Mit Küchengeräten gegen die Klang-Krise

München - Skeptiker unken, dass Orchester heute kaum noch neue Klänge erzeugen können. Das gilt aber auf keinen Fall für das 1. Deutsche Stromorchester. Wenn das Ensemble am 5. Juni beim ADEvantgarde-Festival in München spielt, wird man Geräte hören, die bei gewöhnlichen Konzerten bestenfalls hinter der Bühne zum Einsatz kommen.

Ventilatoren, Rasierapparate, Staubsauger, Bohrmaschinen und ähnliche „Instrumente“ sind es, mit denen man im Zentrum für Neue Technologien des Deutschen Museums in München ein überraschendes Klangereignis der etwas anderen Art verspricht. Das ist ganz im Sinne des ADEvantgarde-Festivals, dessen elfte Saison die neuen künstlerischen Leiter Markus Lehmann-Horn und Johannes Schachtner optimistisch mit dem Motto „What Crisis?“ überschrieben haben.

Wie diese möchte auch Stromorchester-Solist Heinz Friedl nichts von einer Krise der klassischen Musik wissen: „Wenn es kein in sich geschlossener Kosmos für eingeweihte Kenner werden soll, muss man allerdings permanent daran arbeiten, ein neues, junges Publikum zu erreichen. Und das begeistert sich für unsere Aktionen womöglich sogar leichter als für eine klassische Sinfonie. Das merken wir sehr deutlich, wenn wir in Schulen gehen. Für die meisten Jugendlichen kommt Mozart heute doch genauso vom Mars wie Ligeti. Wenn man es aber richtig anstellt, lassen sich Kinder für fast alles begeistern.“ Egal ob jung oder alt, als Gag sollten Zuhörer das Stromorchester keinesfalls abtun. „Wer glaubt, dass das weniger Arbeit wäre, der täuscht sich gewaltig. Schließlich ist der Föhn zum Beispiel ein Instrument, mit dem wir uns erst vollkommen neu auseinandersetzen müssen, um herauszufinden, welche Klänge sich damit überhaupt erzeugen lassen. Bei meiner Klarinette weiß ich das alles schon.“

Selbst wenn die weiterhin im Zentrum seiner Karriere als Musiker steht - Friedl will sich nicht einengen lassen. „Es liegt in der Natur des Menschen, dass man immer nach dem Unbekannten sucht. Warum würden wir sonst in den Weltraum fliegen? Und genau diesen Forscherdrang spürt man sehr stark in der Neuen Musik.“

Weshalb die Auftritte mit dem Stromorchester für ihn stets eine besondere Erfahrung sind. „Die erste Idee kam vor zwei Jahren - und seitdem sind wir sogar schon bis nach Bulgarien gereist.“ Wobei der Klangkörper durch wechselnde Solisten bis heute einem lebendigen Prozess unterworfen ist, der nun auch in München weitergeführt werden soll. „Zeitgenössische Musik hat mich schon immer fasziniert. Ganz einfach, weil man direkten Kontakt zu den Komponisten hat und gemeinsam mit ihnen an einem Stück arbeiten kann. Welcher Musiker würde nicht wenigstens einmal im Leben gern mit Mozart reden oder mit Haydn?“

Letzterer lieferte nämlich unter anderem die Grundlage für Rochus Austs Komposition - „oder sagen wir lieber: die Inspiration“, meint Friedl. „Schließlich wollte Haydn die Menschen mit seiner Paukenschlag-Sinfonie ja auch überraschen.“ Und wer weiß schon, was Joseph Haydn heute womöglich alles anstellen würde, wenn er einen Toaster oder Wasserkocher zur Hand hätte.

Tobias Hell

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