Die Ägypter kommen mit Kamelen

- Noch bevor Christian Stückl am 2. Oktober mit der Premiere von Friedrich Schillers "Don Karlos" im Münchner Volkstheater die neue Saison eröffnen wird, gibt es für den Intendanten eine ganze Menge anderer Dinge zu tun. Gestern zum Beispiel begann er in seinem Heimatdorf Oberammergau mit den Proben zu dem großen biblischen Sommerspektakel, zu "Jeremias" von Stefan Zweig (1881-1942). Premiere ist am 15. Juni. Insgesamt wird es acht Vorstellung geben. Ausverkauft ­ das ist ein kühnes Ziel. Stückl: "Wir peilen acht mal 2000 Zuschauer an. Das ist eine schöne Menge. Wenn wir das erreichen, sind wir froh."

Von packender Aktualität

Stückl, der Passionsspielleiter, will nicht mit dem Inszenieren in Oberammergau bis 2010 warten. Vor zwei Jahren hatte er dort schon den "König David" herausgebracht, nun also folgt die Geschichte des unglücklichen Propheten. Nicht allein, dass die Dorfbewohner ihre Spiellust nur ungern bremsen, dass sie also nicht so lange pausieren wollten. Stückl braucht diese Inszenierung, die wie eine kleine Passion sei, hinsichtlich der nächsten großen Passion: "Der Nachwuchs muss gefördert werden."

Wie er auf Stefan Zweigs "Jeremias" kam, auf dieses Stück, das bis jetzt kaum einer kannte? "Der reine Zufall. Es bestand der Wunsch, im Festspielhaus etwas ähnlich Großes wie den ,David’ herauszubringen. Ich habe die Hebbel-Stücke gelesen, ,Herodes und Mariamne’ und ,Judith’. Alles ungeeignet. Dann dachte ich an Shakespeares ,Julius Cäsar’. Aber das ist eigentlich doch mehr ein Zimmer-Stück. Also habe ich weiter Bücher gewälzt, im Internet und in Bibliotheken gesucht ­ bis ich dabei auf den ,Jeremias’ stieß."

Und der hat schlappe 300 Seiten. Kürzen, kürzen, nochmals kürzen. Stückl: "Ich rechne immer: Eine Textseite ergibt im Spiel eineinhalb bis zwei Minuten. Und länger als 120 Minuten sollte die Aufführung nicht dauern." Aber es war nicht nur zu kürzen. Eine Spielfassung musste erstellt werden. "Denn Zweig hat eigentlich nur drei Rollen festgeschrieben; den ganzen anderen Text hat er einfach nur ,Stimmen’ zugeordnet. Und die habe ich auf Rollen verteilt."

Schon beim Lesen geht eine bezwingende Wirkung von dieser Dichtung aus. Zweig hatte den "Jeremias" unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs geschrieben. Der alttestamentarische Stoff wurde eindeutig zum Antikriegsstück ­ von einer gewissen Zeitlosigkeit. So packt es einen auch heute noch durch seine Aktualität. "Ja", bestätigt Stückl, "es ist unglaublich, wie man hier immer wieder auf die Gegenwart gestoßen wird. Unwillkürlich denkt man an Gotteskrieger und steinewerfende Kinder."

Jeremias, den Gott zu seinem Sprachrohr auserkoren hat, ist nicht gerade ein populärer Prophet; denn er weissagt nur Schreckliches: Sollten die Israeliten das Angebot der Ägypter zum Bündnis annehmen, um gegen Nebukadnezar und Babylon in den Krieg zu ziehen, werde das den Untergang Jerusalems, die Vernichtung seiner Bevölkerung bedeuten. Jeremias wird für seine Warnungen bestraft, das Volk zieht jubelnd in die Schlacht ­ und muss Niedergang, Tod und Scham erfahren.

Ein Stück ohne Happy End. Dennoch haben sich 500 Oberammergauer gemeldet, um mitspielen zu können. Gestern wurden die ersten getestet, ob ihre Stimme überhaupt ausreicht fürs Festspielhaus. Doch von vornherein steht fest: "Es wird keiner nach Hause geschickt, jeder kriegt ein Kostüm an und läuft irgendwie mit."

"So etwas kann man nur in Oberammergau machen", ist sich Christian Stückl sicher. Eine Überführung des "Jeremias" nach München auf die Volkstheaterbühne sei allein von der Größe her ausgeschlossen. Wie auch sollte man in der Brienner Straße die Ägypter einmarschieren lassen, die zu Hunderten in Oberammergau die Bühne betreten ­ natürlich mit einem Heer von Kamelen? Für den Bauern gleich hinterm Passionshaus bedeutet das verstärkte Einquartierung. Er nämlich nimmt zur Festspielzeit immer alle "mitspielenden" Tiere auf.

Die mitspielenden Menschen sind bekanntermaßen ohnehin daheim in Oberammergau. Allerdings weiß Stückl noch nicht von allen, wer welche Rolle im "Jeremias" übernimmt. Doch die Hauptrollen sind verteilt. Klar, dass sein Vater, der große Alte vom Passionstheater, wieder prominent dabei ist. Ebenso Martin Norz, einer der beiden Christus-Darsteller der letzten Passion. Er stellt den Jeremias dar. Alle anderen werden von Stückl noch intensiv beäugt: "Ich laufe die letzten drei Wochen nur noch mit dem Casting-Blick durchs Dorf. Denn ich muss ja nicht nur ,Jeremias’ besetzen, sondern auch schon überlegen: Wer ist der nächste Christus?"

Der Vorverkauf hat bereits begonnen: Tel. 08822/ 92 31 58, Fax 08822/ 92 31 90.

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