Von Aeneis bis Zehelein

- Bevor einiges des zu Ende gehenden Jahres der Vergessenheit anheimfällt, bevor wir Platz machen in Herz und Hirn für das, was uns 2007 alles auf die Schauspiel- und Musikbühnen, auf die Konzertpodien und die Chefsessel gespült wird ­ hier noch einmal das große ABC der Höhe- und Tiefpunkte 2006.

wie "Aeneis": Rolf Boysen las die Dichtung des Vergil vor ausverkauftem Haus im Münchner Residenztheater. Ein Erlebnis für jeden, der dabei sein durfte.

wie Albrecht, Hansjörg: Unter seiner Leitung ist der Münchener Bach-Chor zu einem neuen Höhenflug aufgebrochen ­ Aufführungen von Klassikern wie Matthäuspassion und Mozart-Requiem, aber auch von Werken des 20. Jahrhunderts kündeten davon.

wie Barenboim, Daniel: Er wurde mit dem Siemens-Musikpreis geehrt. Als ein einzigartiger Pianist und Dirigent, aber auch als politischer Mahner, der im nahöstlichen Aussöhnungsprozess seine Stimme erhebt.

wie Christine Schäfer: Als Cherubino war sie die überragende Sängerdarstellerin in der Salzburger Festspiel-Inszenierung von Mozarts "Figaro" ­ und stahl Anna Netrebko glatt die Schau.

wie Diana Damrau: Die Sopranistin aus Günzburg, an Münchens Oper unter anderem als Königin der Nacht umjubelt, hat sich endgültig als Weltstar etabliert ­ nicht zuletzt durch ihre großartige Rosina im New Yorker "Barbier von Sevilla".

wie Dance Festival: Vom 18. Oktober bis zum 12. November lockte die Münchner Biennale des internationalen Tanzes mit einem üppigen Programm die Ballett-Fans in die Muffathalle beziehungsweise ins i-camp.

wie Erl: Ein Geheimtipp sind Gustav Kuhns Tiroler Festspiele längst nicht mehr. Inzwischen hat man sich als unkonventionelle Konkurrenz zu Bayreuths "Grünem Hügel" positioniert, 2006 mit "Tristan" und "Parsifal".

wie "Elegie für junge Liebende": Nicht gerade üppig war die theatrale Auslese anlässlich des 80. Geburtstages von Komponist Hans Werner Henze. Das Gärtnerplatztheater brachte im Juli wenigstens eine konzertante Aufführung dieser Oper.

wie Fassbaender, Brigitte: Als Sängerin ist sie eine Legende, als Intendantin inzwischen eine Institution. Das Tiroler Landestheater in Innsbruck steht dank ihrer "Politik" für ein exzellentes Ensemble und für immer wieder ambitionierte Inszenierungen.

wie Falckenbergschule: Die berühmte Ausbildungsstätte der Münchner Kammerspiele konnte nach Jahren der Interimszeit endlich in ihre alten Räume auf dem Kammerspiele-Gelände zurückziehen. Mit einem Festakt wurden sie im März eingeweiht.

wie Giganten: Keine andere Stadt verfügt über drei derart hochkarätige Orchester. Kurz vor Eröffnung der Fußball-WM machten sie gemeinsame Sache. Das Symphonieorchester des BR, die Münchner Philharmoniker und das Bayerische Staatsorchester gaben ein Konzert im Münchner Olympiastadion.

wie "Gramma": Diese Oper des Spaniers José M. Sánchez-Verdú war künstlerischer Höhepunkt der Münchener Musiktheater-Biennale. Die Zuschauer wurden quasi zu Mitschöpfern des Werks, indem sie an Pulten sitzend die gemalten Partituren mitlasen. Sabrina Hölzer war die mutige Regisseurin.

wie Hamel, Lambert: Als Ibsens Baumeister Solness in dem gleichnamigen Stück gibt er so zurückhaltend wie intensiv im Münchner Residenztheater die eindrucksvolle Studie eines alternden Künstlers. Premiere war im Juni, es inszenierte Tina Lanik.

wie Immling: Auf dem Gut bei Bad Endorf lockten auch im vergangenen Sommer wieder große Opern das Publikum in Scharen an. Gefeiert wurde das zehnjährige Jubiläum. "Hier im Landkreis geht man einfach in die Oper, ob die Bäckereiverkäuferin oder der Anwalt", sagte Intendant Ludwig Baumann vor der Premiere seiner Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte".

wie Jansons, Mariss: Seine Tournee mit dem BR-Symphonieorchester in die Vereinigten Staaten war der Höhepunkt der bisherigen Zusammenarbeit. Vor allem das Gastspiel in New York war so erfolgreich, dass man fortan alle zwei Jahre in die Carnegie Hall zurückkehren wird.

wie Jonas, Peter: Er war 13 Jahre Intendant der Bayerischen Staatsoper. Mit den Opernfestspielen verabschiedete sich der schillernde Kulturmanager von seinem Publikum, das ihn nach den "Meistersingern" noch einmal heftig feierte.

wie Kent Nagano: Mit seinem Amtsantritt als künstlerischer Chef ist für die Bayerische Staatsoper eine neue Ära angebrochen. Seine erste Premiere, Richard Strauss‘ "Salome" und Wolfgang Rihms "Das Gehege", gab einen Vorgeschmack auf seine intellektuelle Potenz und seinen sehr analytischen musikalischen Stil.

wie Katharina Schubert: Die Schauspielerin bekam endlich die Rolle und damit auch die Aufmerksamkeit, die ihr gebührt. In der September-Premiere von "Trauer muss Elektra tragen" war sie die großartige Darstellerin der Lavinia. Der ihr dazu verhalf, war der Regisseur Stefan Pucher.

wie Konwitschny, Peter: Nach langen Jahren ist einer der wichtigsten Regisseure unserer Zeit an die Bayerische Staatsoper zurückgekehrt ­ mit einer packenden, humorvollen, verstörenden Deutung von Wagners "Fliegendem Holländer".

wie Loibl, Thomas: Als sprachbehinderter und tollkühner Hallodri und personifizierter Wahnwitz hat er sich in Dieter Dorns Resi-Inszenierung der Komödie "Floh im Ohr" an die Spitze des Ensembles gespielt.

wie "Moses und Aron" und Mehta, Zubin: Mit Schönbergs monumentalem Opus verabschiedete sich der Dirigent nach achtjährigem Wirken als Generalmusidirektor von der Bayerischen Staatsoper.

wie "Maria Stuart": eine in ihrer Heutigkeit sehr gelungene Klassiker-Inszenierung von Amélie Niermeyer am Residenztheater. Hervorragend die Protagonisten Anna Schudt und Juliane Köhler.

wie "Norma": Edita Gruberova erklomm mit der Partie im Nationaltheater den Belcanto-Gipfel ­ ein szenisches Rollendebüt, das von den Fans weltweit herbeigesehnt wurde.

wie "Offener Vollzug": Das Stück von und mit Gerhard Polt und der Biermösl Blosn wurde zum absoluten Renner des Residenztheaters. Höhepunkt der Geschichte: Polt als Papst Benedikt.

wie Pohle, Christiane: Die junge Regisseurin eröffnete im Mai in den Münchner Kammerspielen die Hasenjagd: Sie erlegte und zerlegte mit sonorem Halali "Die Räuber". Schiller auf den Hund gekommen.

wie Quasthoff, Thomas: Mit Wolfs Orchesterliedern und Schuberts "Schöner Müllerin" bewies er in München wieder seine singuläre Stellung als Liedinterpret.

wie Rio de Janeiro: Höhepunkt des Jahres für Christian Stückl und das Münchner Volkstheater war das Gastspiel an der Copacabana. Im Theater spielte man den "Brandner Kaspar", am Strand tanzte man den Schuhplattler.

wie Streik: So etwas hatte es an den Staatstheatern bislang nicht gegeben. Wochenlang wurden Residenztheater, Staatsoper und Gärtnerplatztheater in ihrem Spielen streikmäßig behindert. Manche Aufführungen fielen aus, von anderen gab es Streik-Versionen. Finanzminister Faltlhauser zeigte sich als unkonzillianter Verhandlungspartner, hart und ohne Respekt vor den Bühnenarbeitern.

wie Thielemann, Christian, und Tankred Dorst: Zusammen hatten sie sich in Bayreuth Wagners "Ring" vorgenommen. Dorsts Nicht-Regie floppte, Thielemanns Dirigat brachte das Publikum aus dem Häuschen.

wie Tschechow: Nach dem indiskutabel dummen "Kirschgarten" kam an den Kammerspielen eine hochinteressante Aufführung der "Drei Schwestern" heraus. Andreas Kriegenburg inszenierte diesen Tschechow zwar allzu ausufernd, aber dennoch insgesamt als ein theatralisch grandioses Angebot.

wie Ulrike Hessler: Mit Roland Felber und Ronald Adler hat sie ab dieser Saison die Interimsleitung der Bayerischen Staatsoper übernommen und die Zügel in dem Haus am Max-Joseph-Platz fest in der Hand.

wie Varnay, Astrid: "Wozu brauche ich einen Baum auf der Bühne, wenn ich Astrid Varnay habe", sagte Wieland Wagner einst über diese unerreichte Heroine. Vor allem als Brünnhilde oder Isolde war sie rollenprägend. Im Alter von 88 Jahren starb die große Künstlerin in München.

wie Vernon, Konstanze: Eine fragwürdige Kampagne wurde gegen die Chefin von Ballett-Akademie und Bosl-Stiftung angezettelt, um vermutlich das Bett zu bereiten für einen Nachfolger bzw. eine Nachfolgerin.

wie Wedekind: Am Münchner Volkstheater gab es mit "Frühlings Erwachen" eine sehr junge, aktuelle Premiere. Eine Aufführung, die genau das darstellt, was das Haus auszeichnet: die Möglichkeit einer jungen Zuschauergeneration, sich gedanklich und vor allem auch gefühlsmäßig mit den Menschen auf der Bühne und ihren Problemen zu identifizieren.

wie Xanthippe: Die Ehefrau des alten Sokrates steht für die schnippisch-boshaften Weiber im Hintergrund. Auch hier und heute ist gemeint: die Frau an seiner Seite. Also die Gattinnen von Intendanten und anderen Chefs.

wie Yoshi Oida: Der Großmeister japanischer Schauspielkunst war im Juni in den Kammerspielen zu sehen; und zwar in dem Tokyoter Gastspiel "Yotsuya Ghost Story."

wie Zehelein, Klaus: Seit September im Amt, sorgte der Präsident der Bayerischen Theaterakademie schon im November für einen künstlerischen Höhepunkt ­ mit Christof Nels Inszenierung von drei Henze-Einaktern. Großer Erfolg im Prinzregententheater.

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