Tuba-Spieler einer Blaskapelle
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Diese Abstände mögen noch zu knapp sein. Doch bei entsprechenden Schutzmaßnahmen, das sagen Münchner und Erlanger Forscher, können auch Blaskapellen wieder proben und auftreten.

LMU-Forschung stützt Öffnung des Kultursektors

Aerosol-Studie: Hoffnung für die Laienmusik

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Singen und Spielen ist viel weniger gefährlich als gedacht - auch im Bereich der Laienmusik. Das belegt eine neue Aerosol-Studie, die damit die Öffnung des Kultursektors unterstützt.

  • Erstmals wurde in einer Aerosol-Studie mit Blasinstrumenten und Gesang die Wirkung von Masken einbezogen.
  • Mit Schutzmaßnahmen und Abständen von 1,5 bis 2 Metern ist auch Laienmusik wieder möglich.
  • Forscher und Mitglieder der CSU-Landtagsfraktion raten auch aus gesellschaftlichen Gründen zur Öffnung des Kultursektors.

Kultur ist gleich Gefahr, diese Gleichung hat sich in vielen Hirnen eingenistet – eine der verheerendsten Nebenwirkungen der Pandemie. Dass beim Instrumentenspiel und beim Singen Aerosole entstehen und damit Viren verbreitet werden können, ist unstrittig. Doch immer deutlicher wird: Das Risiko ist beherrschbar. Auch, und dies ist die aktuelle, bemerkenswerte Wendung, im Falle der Laienmusik. Seit Monaten liegt diese zwangsweise brach. Experimente der Ludwig-Maximilians-Universität in München (LMU) und der Erlanger Uniklinik machen nun Hoffnung. Diese sind quasi die Fortsetzung einer Studie, die sich vor einigen Monaten mit Profi-Musikerinnen und -Musikern befasste. Was neu ist: Erstmals wurde die Wirkung von Schutzmasken einbezogen (siehe Informationen am Ende des Artikels).

„Wie können wir Abschirmungen so hinbekommen, dass der Profi-, aber eben auch der Laienbereich wieder tätig sein kann?“ Diese Fragestellung trieb Professor Matthias Echternach, Leiter der Abteilung Phoniatrie und Pädaudiologie an der HNO-Klinik der LMU, um. Zusammen mit Erlangen sowie dem Bayerischen Rundfunk fand er heraus: Die Ausdehnung der Aerosol-Wolken kann tatsächlich verhindert werden. Und mit geeigneten Schutzmaßnahmen könnte sogar in geringeren Abständen gemeinsam gesungen und gespielt werden.

Ohne Schutzmaske strahlt die Aerosol-Wolke beim Gesang nach vorn ab.
Mit Schutzmaske bewegen sich die Aerosole nach oben und bleiben viel dichter am Körper.

Im Gegensatz zum Profi, das haben die Forscher erwartet, entsteht beim Laiengesang ein geringfügig höherer Aerosol-Ausstoß. Werden Masken getragen, streut die Partikelwolke allerdings weitgehend nach oben ab, bleibt also dichter am Körper und gefährdet andere weniger. Ähnliches ergibt sich bei den Blasinstrumenten.

Echternach, seine Kolleginnen und Kollegen hatten im ersten Durchgang vor einigen Monaten nur Trompete, Klarinette und Querflöte untersucht, wobei sich Letztere als das Instrument mit dem weitesten Aerosol-Ausstoß erwies. Nun wurden alle anderen Blasinstrumente einbezogen, auch – und das ist für die musikalische Früherziehung entscheidend – die Blockflöte. Bis auf Letztere standen erneut Mitglieder des BR-Symphonieorchesters für die Versuche zur Verfügung, die Blockflötenspieler kamen von der Münchner Musikhochschule (siehe Kasten). Die Forscher arbeiteten in allen Fällen mit maskenartigen Schutzschilden. Die Ergebnisse: Die Aerosol-Wolke breitete sich kaum mehr nach vorn, sondern vor allem nach oben aus. Dies betrifft auch die Querflöte, deren Ausstoß nach vorn ohne Schutz am größten ist. Damit kann dieses Instrument ebenfalls gut abgeschirmt und ins Ensemble integriert werden.

Ohne Schutz bewegt sich die Aerosol-Wolke bei der Querflöte weit nach vorn und unten.
Mit Schutz dehnt sich die Aerosol-Wolke nur noch nach oben aus und bleibt ebenfalls dichter am Körper.

Für die Praxis geben Echternach & Co. folgende Empfehlungen: Ohne Maske sollten Laiensängerinnen und -sänger einen Abstand von 2,50 Meter nach vorn einhalten, mit Maske sind nur 1,5 Meter erforderlich. Bei den Instrumentalisten sind es ohne Schutz zwei Meter nach vorn und 1,5 Meter zur Seite, für die Querflöte drei nach vorn und zwei Meter seitlich. Mit Schutzmaßnahmen müssen es nur 1,5 Meter im Radius sein, bei der Querflöte 1,5 bis zwei Meter. Echternach betont, dass dies Prognosen seien. Doch die seien ähnlich belastbar wie eine 18-Uhr-Trendmeldung am Wahlabend. Er, seine Kolleginnen und Kollegen planen eine wissenschaftliche Veröffentlichung für Mitte des Jahres.

Wer nun befürchtet, mit einer hinderlichen Mund-Nasen-Bedeckung auch noch singen zu müssen, den verweist Echternach auf spezielle Gesangsmasken. Diese lassen im Mundbereich viel mehr Platz, die Aerosole strahlen aber nicht so weit in den Raum ab. „Prinzipiell muss man festhalten: Wir bekommen die Aerosole nie weg“, sagt der LMU-Professor. „Aber wenn wir Kultur ermöglichen wollen, müssen wir damit umgehen lernen.“ Jeder Zentimeter mehr Nähe kann folglich erhebliche Auswirkungen fürs gemeinsame Singen und Spielen haben. Alles ist, und das ist Echternach wichtig, eine Abwägung zwischen virologischen Erkenntnissen und der gesellschaftlichen Bedeutung der Kultur. „Ich halte das Risiko für vertretbar in der Abwägung zu dem, was wir verpassen, wenn das Musizieren verboten bleibt.“

Gefahr für Laienmusik und Früherziehung

Untersuchungen wie diese entfalten damit eine gesellschaftliche Dimension. Und das dämmert langsam auch der Politik. Ein Streiter für die Ermöglichung der Kultur ist Robert Brannekämper, der CSU-Landtagsabgeordnete ist Vorsitzender des Ausschusses für Wissenschaft und Kunst. „Es geht doch zu viel verloren, wenn über lange Zeit kein gemeinsames Singen und Spielen und damit kein Gemeinschaftserlebnis mehr möglich ist“, beklagt er. Wenn dies aber mit Abstandsregelungen, Masken und Schnelltests machbar sei, müsse man diesen Weg beschreiten. „Wir brauchen gerade die Laien, um die Begeisterung für die Musik zu erhalten.“ Ansonsten befürchtet Brannekämper einen Domino-Effekt: Bleibe diese Begeisterung aus, dann werde sich auch das Publikumsinteresse verringern.

Nur zu deutlich wird dabei, dass es unter Bayerns politischen Entscheidungsträgern unterschiedliche Geschwindigkeiten in Sachen kulturelle Öffnungen gibt. Brannekämper und manchen Mitstreiter treibt auch die Angst um. Es ist aber die Furcht, durch Pandemie-Verbote auf lange Zeit oder für immer zu viel zu verlieren: „Wir gleichen momentan die finanziellen Ausfälle der Kulturbetriebe aus. Doch dass dahinter der riesige Sektor der Laienmusik kommt mit seinen Kirchenchören, Jugendensembles oder Blaskapellen, das haben viele gar nicht auf dem Radar.“ Man dürfe, so kritisiert Brannekämper, nicht erst mit dem Denken beginnen, wenn alles besser oder vorbei sei. Er habe nicht nur nach dem ersten Lockdown ein langfristiges Konzept für kulturelle Öffnungen vermisst.

Die Aerosol-Studie, die auch auf Initiative der CSU-Landtagsfraktion zustande kam, versteht sich damit zusätzlich als Argumentationshilfe für die Laienmusik, besonders für die Früherziehung. Mit am meisten zu leiden haben zum Beispiel die Knabenchöre. Während etwa die Tölzer normalerweise auf eine Jahrgangsstärke von 70 bis 80 bauen können, sind es derzeit nur 17 Buben. Echternach befürchtet, dass durch die Verbote in der Pandemie eine ganze Generation ausfällt, die für Kunst und Kultur begeistert werden müsste. „Wir müssen wieder Gefühl für die Musik bekommen. Das Selbstverständnis des Musizierens ist uns abhandengekommen.“

Wie wurde gemessen?
Analysiert wurde die Ausbreitung der Aerosole beim Instrumentenspiel und beim Gesang. Im Unterschied zur vorangegangenen Untersuchung, die im November 2020 öffentlich wurde, setzte man nun auch Schutzmasken ein. Sowohl die Musikerinnen und Musiker als auch die Sängerinnen und Sänger atmeten die Basissubstanz aus einer E-Zigarette ein und spielten beziehungsweise sangen danach. Die Ausbreitung der Rauchwolke wurde mit Spezialkameras aufgezeichnet und gemessen. Beteiligt am Versuch, der vom Freistaat gefördert wurde, waren die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, die Uniklinik Erlangen und der Bayerische Rundfunk.

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