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Am Ende der Welt: Auf seiner Reise durch Osttimor ist Farin Urlaub bis in die entlegensten Ecken vorgedrungen.

Ärzte-Sänger Farin Urlaub am Ende der Welt

München - Als Sänger der Band "Die Ärzte" kennen ihn die Fans. Privat liebt Farin Urlaub das Reisen. 117 Länder hat er bereits besucht und jetzt den Bildband „Australien & Osttimor“ veröffentlicht.

In einem Interview hat Farin Urlaub, Frontmann der Band "Die Ärzte", mal großspurig angekündigt, er müsse die ganze Welt sehen, sonst könne er nicht sterben. Wenn man ihn heute danach fragt, wie viele Länder er schon bereist hat, sagt er: „Das werde ich seitdem immer wieder gefragt, deswegen bin ich vorbereitet: Es sind 117.“ Für seinen neuen Bildband hat es den Hobby-Fotografen, der eigentlich Jan Vetter heißt und 48 Jahre alt ist, nach Australien und Osttimor verschlagen. Wir sprachen mit ihm über Aborigines, Hahnenkämpfe und den Tasmanischen Teufel.

Sehenswürdigkeiten: Wie gut kennen Sie die Welt?

Sehenswürdigkeiten: Wie gut kennen Sie die Welt?

-Osttimor, das ist ein Land, das viele von uns nicht auf der Karte finden würden. Wie müssen wir es uns vorstellen?

Das Land ist etwa so groß wie Schleswig-Holstein, hat über eine Million Einwohner und liegt auf der Insel Timor in Südostasien. Es ist ein christliches Land mit einer Flora und Fauna, wie man sie aus Indonesien kennt. Die westliche Hälfte der Insel gehört denn auch den Indonesiern, die in den Siebzigerjahren einmarschiert sind, um den Rest zu annektieren. Was zu dem langen Bürgerkrieg geführt hat...

-...der im Jahr 2002 mit der Unabhängigkeit Osttimors endete. Spürt man von dem Bürgerkrieg noch etwas?

Ich habe auf jeden Fall mit einem traumatisierten Volk gerechnet. Das ist auf Osttimor aber überhaupt nicht so. Die meisten Leute, die über Gewalt geredet haben, haben so darüber geredet, als hätten sie davon gelesen. Ich frage mich, ob der starke Glaube da hilft, oder ob das Gefühl des „Wir halten zusammen gegen den übermächtigen Feind“ die Leute so zusammengeschweißt hat. Ich kann es nicht beurteilen. Jedenfalls ist man stolz auf das Resultat: die Unabhängigkeit.

-Im Buch zitieren Sie das Auswärtige Amt, demzufolge die Sicherheitslage im Land als „fragil“ gilt.

Ja, aber das ist nur eine Art Einstieg in die Kapitel über Osttimor. In Wahrheit ist es dort total harmlos.

-Sie hatten keine Angst?

Nee. Und ich habe grundsätzlich keine Angst, sonst könnte ich meine ganzen Reisen nicht machen. Ich gehe erst einmal davon aus, dass mir sowieso nichts passiert und mir keiner etwas tun will. Und dann lasse ich mich vom Gegenteil überzeugen. (Lacht.)

-Wie reist man durch ein Land wie Osttimor?

Am einfachsten mit dem Auto. In Dili, der Hauptstadt, gibt es eine Autovermietung, auf dem Land aber relativ wenig Asphaltstraßen. Durchschnittliche Reisegeschwindigkeit ist 30 Stundenkilometer, und das ist auf manchen Pisten ganz schön schnell. Es gibt außerhalb der Hauptstadt auch nur eine richtige Tankstelle. Man tankt aus Kanistern und Flaschen.

-Einmal sind Sie mit Ihrem Wagen im Schlamm stecken geblieben. Was war das für ein Gefühl, als Sie gemerkt haben: Ich komme nicht mehr raus?

Das war am Ende der Welt. Aber ich muss sagen, da bin ich mittlerweile relativ abgebrüht. Ich weiß, dass ich bis zu 120 Kilometer weit laufen kann, dass ich so und so viel Wasser tragen kann und so und so fit bin, um in zwei, drei Tagen Hilfe zu holen. In diesem Fall wären es etwa 20 Kilometer gewesen, es war also überhaupt nicht lebensbedrohlich. Es war eher die erfreuliche Feststellung, dass auch Wohlstand und die Tatsache, dass ich Rockstar bin, mich nicht davon abhält, mich wie ein Vollidiot zu benehmen. (Lacht.)

-Was heißt „wie ein Vollidiot“?

Es ging um eine Flussdurchfahrt, und ich hatte nur einen kleinen Leihwagen mit Straßenreifen gemietet. Mit dem war ich schon über schlammige Pisten gefahren, wo die Räder ständig durchgedreht sind. Und dann musste ich durch diesen Fluss und blieb auf dem Hinweg schon fast stecken. Anstatt mir auf dem Rückweg eine andere Stelle zu suchen, versuchte ich es wieder an derselben. Zu allem Überfluss ist mir dann auch noch ein Ventil abgerissen, ich konnte den platten Reifen aber nicht wechseln, weil das Wasser zu tief war. Die anderen Reifen gruben sich schön in den Kies ein, und ich dachte: Okay, das wird jetzt lustig.

-Wie sind Sie wieder rausgekommen?

Es kam zufällig eine Patrouille von nepalesischen UN-Soldaten vorbei, die mich rauszog. Die wollten übrigens das Gleiche wie ich, haben sie mir hinterher erzählt. Es gibt nur eine ganz grobe Übersichtskarte von Osttimor. Da ist eine Piste eingezeichnet, die es de facto nicht gibt. Ich wollte rausfinden, ob es sie vielleicht nicht doch gibt und habe erfolgreich festgestellt: Es gibt sie wirklich nicht. Das Schöne war, dass ich den Soldaten die nächsten zehn Kilometer Irrsinn ersparen konnte.

-Sie haben in Osttimor auch einen Hahnenkampf erlebt.

Das war für mich eher ernüchternd. Man muss sich das so vorstellen: Ich war zwei Wochen in diesem Land unterwegs, die Leute waren extrem freundlich, zuvorkommend, einfühlsam. Viele Männer führten Hähne mit sich herum – als Haustiere, wie ich dachte: andere Länder, andere Haustiere. Irgendwann habe ich dann mal ein Vater-Sohn-Gespann als Anhalter mitgenommen, die unbedingt zum Markt wollten. Ich fragte also: „Ihr wollt doch nicht einfach so zum Markt.“ Sie: „Nee, da ist der Kampf.“ Ich habe dann eins und eins zusammengezählt: „Aha, der Hahnenkampf?“ Und sie: „Natürlich, was denn sonst?“ Es war wirklich schlimm: Auf Osttimor kriegen die Hähne an eine Kralle sieben Zentimeter lange Rasierklingen und damit verstümmeln sie sich gegenseitig. Und dann sitzen diese sanften Menschen da und feuern die Hähne an und jubeln und klatschen. Ich fand das einfach nur abstoßend. Aber: andere Länder, andere Rituale.

-Reden wir über Fotografie: Auf Bildern sieht man immer nur einen Ausschnitt. Ist es überhaupt möglich, die Schönheit der Natur zu bannen?

Das ist ein grundsätzliches philosophisches Problem. Ich habe eine dreidimensionale Realität, zu der auch beispielsweise Hitze, Geruch und Wind gehören. Und ich versuche, das in ein zweidimensionales Bild zu bekommen. Das geht natürlich nicht. Ich kann nur versuchen, das Trockene und das Ausgedörrte zu zeigen, wenn ich Hitze darstellen will. Wenn man es aber genau wissen will, muss man hinfahren. Was ja auch meine Philosophie ist.

-Sie haben erstaunlich wenige Bilder mit Australiern geschossen. Sind die nicht schön genug?

Genau! (Lacht.) Nee, es geht eher darum, dass die Australier so aussehen wie wir mit Sonnenbrand. Und die Aborigines wollen definitiv nicht fotografiert werden.

-Das Verhältnis zwischen ihnen und den weißen Australiern gilt als schwierig. Warum?

Es gibt überhaupt keinen Kontakt, die leben nebeneinander her. Wenn Aborigines durch den Supermarkt schlurfen, ist es so: Sie kucken durch alles hindurch. Auch die Kassiererin kuckt die Aborigines nicht an, sondern die Waren, sagt dann den Preis. Die Aborigines zahlen und gehen. Das ist ziemlich traurig.

-Traurig ist auch, was Sie vom Tasmanischen Teufel gesehen haben...

(Lacht.) Da muss ich kurz ausholen: Es gibt ja diese Reiseberichte à la Hunter S. Thompson, der alles ins Groteske überzeichnet. Alles, was er gemacht hat, war total gefährlich, sensationell, brutal, genial, waghalsig, spannend. Ich schreibe eher das, was ich erlebt habe, und das ist halt auch mal enttäuschend. Der Tasmanische Teufel war so ein Beispiel: Da ist dieses Tier mit dem größten Aggressionspotenzial der Welt, das Tier, das vor nichts Angst hat. Man könnte einen Löwen auf ihn loslassen, der kleine Tasmanische Teufel würde angreifen. Wenn ich dieses faszinierende Tier dann endlich zum ersten Mal sehe und es sitzt da wie ein vollgefressener Pudel, kuckt mich träge an, dann bin ich schon enttäuscht. Er hätte mich ja zumindest mal anknurren können.

Interview: Thierry Backes

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