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Barbara Sukowa und Mario Adorf in R. W. Fassbinders Spielfilm "Lola" von 1981.

Liebe, Gewalt und Verzweiflung

Der Münchner Verlag Schirmer/Mosel  bringt einen opulenten Band mit 1414 Fotos aus dem Film-Gesamtwerk Rainer Werner Fassbinders heraus

München - Rund 1400 Bilder und wenig Text. Dass der Münchner Schirmer/Mosel Verlag stark auf Optik setzt, gehört zu seinem Konzept. Im neuen Werk über Rainer Werner Fassbinder aber geht es nicht nur um Fotografien. Der Großteil der Abbildungen, insgesamt 1414 Stück, rekrutiert sich aus Filmbildern. Auch das hat es im Verlagsprogramm schon gegeben. Nun aber ist die Anzahl ungewöhnlich hoch. Ein Band voller Rechtecke gewissermaßen. Mal farbig, mal schwarz-weiß. Oft mit Menschen, manchmal nicht. Und nur selten größer als neun mal sieben Zentimeter.

Verleger Lothar Schirmer verfolgt damit Konkretes. „In der gedruckten Filmliteratur“, sagt er, „sind die Filme meistens sehr schlecht visualisiert“. Ein, zwei, drei Bildchen pro Streifen. Der Text dominiert. Die Ästhetik des Werks kann der Betrachter in solchen Fällen nur aus der eigenen Erinnerung holen, sofern er es überhaupt kennt. Mit den 1368 Originalbildern aus 44 Fassbinder-Filmen hat er nun die Möglichkeit, sich die optische Sprache des Künstlers vor Augen zu führen. Gerade bei Fassbinders frühen Arbeiten besitzt das einen großen Reiz. „Katzelmacher“ von 1969 etwa ist fast noch eine Mischung aus Film und Theater, es basiert schließlich auf einem Drama. Die Szenen der Leinwandfassung entwickeln keinen Fluss. Sie stehen für sich. Jede von ihnen wie ein Gemälde oder eine Skulpturengruppe komponiert.

Eigentlich sollte der Band schon zu Fassbinders 70. Geburtstag im vergangenen Jahr erscheinen. Herausgegeben hat ihn Lothar Schirmer mit Fassbinders ehemaliger Lebensgefährtin Juliane Lorenz, die das Erbe verwaltet. Die ursprüngliche Idee zum Buch allerdings datiert zurück in eine Zeit, da der Dramatiker und Regisseur noch lebte. Das war 1981, ein Jahr vor seinem Tod. Damals veröffentlichte Schirmer einen Bildband über Hanna Schygulla, die in vielen Fassbinder-Filmen spielte. Dabei fiel ihm auf, wie kraftvoll echte Filmbilder in gedruckter Form wirken. Mit dem Meister selbst kam der Verleger damals nicht zusammen. Die Kommunikation erfolgte über Boten oder schriftlich. In einem Brief etwa bat Schirmer den Regisseur, zum Band einen Text über Schygulla beizusteuern. Fassbinder lieferte, und die Schauspielerin traf fast der Schlag. „Sie hätte das Projekt damals beinahe hingeschmissen. Denn sie hatte sich eine Liebesbekundung erwartet“, erzählt Schirmer. Fassbinder überschrieb seine Hommage aber mit der Zeile „Hanna Schygulla: Kein Star, nur ein schwacher Mensch wie wir alle“.

Den Essay können Interessierte nun in „R.W. Fassbinder: Die Filme 1966-1982“ nachlesen. Er ist einer von mehreren Originaltexten des Künstlers. Von seinem Titel sollten sich die Leser nicht beirren lassen. Fassbinders Aufsatz ist witzig, ehrlich und rotzfrech. Schygulla kommt im Übrigen recht gut weg, vor allem, wenn Fassbinder beschreibt, wie sie sich 1967 weigerte, in Büchners Drama „Leonce und Lena“ zu spielen. „Wenn ich ehrlich sei, müsse ich doch zugeben, Leonce und Lena ist ein Männerstück, die Frauen seien doch lediglich Staffage, Statisterie fast.“ Wer Fassbinder liebt, wird an dem Band seine Freude haben. Wer den als Ekel verschrienen Regisseur nie verstanden hat, sollte sich den Texten zuwenden. Die Schygulla-Hommage etwa vermag Aufschluss zu geben, warum Fassbinder so seltsam gewesen sein mag: Er spiegelte in seiner Kunst die Widerwärtigkeiten der Gesellschaft. Manche Menschen werden dadurch selbst zu negativen Zerrbildern. Das kann ein verzweifelter Schutz sein.

Katrin Hildebrand

Lothar Schirmer, Juliane Lorenz (Hg.):

„R.W. Fassbinder: Die Filme 1966-1982“. Schirmer/ Mosel Verlag, München, 328 Seiten; 49,80 Euro.

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