Ästhetik aus der keimfreien Zone

- Feiner, delikater, nuancierter können die Farben nicht changieren, kann das Licht nicht variieren. Kostüme so flippig wie erlesen harmonieren dazu ebenso wie die minimalistisch-symbolhaft angereicherte Bühne: ein weißer, eiförmiger Findling, ein schwarzes Hammerklavier, eine Feder und ein Stein im eigenwilligen Balance-Verhältnis. Karl-Ernst und Ursel Herrmann (er zuständig für die Ausstattung, beide für die Regie) treiben ihre Ästhetik in die keimfreie Zone, wo wirkliches Leben nicht mehr stattfindet.

<P>Zu schön, zu glatt ist hier alles, um wirklich wahr zu sein. So gerann ihre bei den Osterfestspielen erstmals gezeigte Neuproduktion von Mozarts "Cosi fan tutte" nun bei der sommerlichen Wiederaufnahme im Großen Salzburger Festspielhaus zum optischen Divertissement ohne Tiefgang. Leider auch ohne Ergänzung, Störung, Konterkarierung durch die Musik.</P><P>Zu Ostern hatte Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern Mozart zur Wahrheit verholfen, jetzt spielten die Wiener Philharmoniker unter dem mit ihnen und in Salzburg debütierenden 30-jährigen Schweizer Philippe Jordan. Ob er zu ehrfürchtig war oder ob er wirklich so wenig zu sagen hat, das lässt sich hier schwer entscheiden. Er strapazierte die Sänger oft in extremer Langsamkeit, kultivierte zarteste Piani und traute sich nur selten über ein Mezzoforte hinaus. Das wirkte auf Dauer fad und langweilte, weil kein eigener Ton zu hören, kein persönlicher Zugriff auf Mozarts Partitur zu spüren war. Wie anders hatte seine Kollegin Julia Jones sich in der "Entführung" profiliert. Wie anders auch hatte die letzte Salzburger "Cosi" von Hans Neuenfels und Lothar Zagrosek </P><P>Gemischtes Doppel</P><P>nachgeklungen. Immerhin punkteten die jungen Sänger, die sich als gemischtes Doppel beim Federballspiel vergnügten, während Jordan bei der Ouvertüre noch Feurigeres riskierte. Tamar Iveri, die junge Georgierin, stattete die mädchenhaft-schüchterne Fiordiligi mit einem wunderbaren, zart dunkel getönten Sopran aus, der in Tiefe wie Höhe ("Come scoglio") Substanz und Farbe behält. Als forschere Schwester Dorabella verriet die junge Lettin Elina Garanca mit dramatischen Ansätzen ihres weichen Mezzo, wohin ihr Weg noch führen kann. Der 23-jährige Albaner Saimir Pirgu überraschte als Ferrando mit einem gepflegten, gut phrasierenden ("Un aura amoroso"), leicht italienisch angehauchten Tenor. Und der Italiener Nicola Ulivieri setzte als Guglielmo seinen virilen Bariton geschmackvoll ein. Schade, dass die Herrmanns mit diesen jungen Sängern so wenig individuelles Rollenprofil entwickelten. Aus Despina hatten sie immerhin einen alten Hausdrachen gemacht, komödiantisch ausgekostet von Helen Donath, und den Don Alfonso von Thomas Allen als schmierigen Spielmacher die Fäden ziehen lassen.</P><P>Doch welch existenzielle Erschütterung die Liebenden in Mozarts "Cosi fan tutte" erleben, teilte sich weder musikalisch noch szenisch mit.</P>

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