Äthiopiens Freude an der Malerei

- Ein edler Schirm, glänzende Schilde und der Kopfschmuck des Kriegsministers aus Löwenfell, Samt, Seide, Silber und Gold: Utensilien des Christentums? In Äthiopien ja. Dort werden diese höchsten Auszeichnungen bei kirchlichen Prozessionen getragen. Seit den Ursprüngen im vierten Jahrhundert hat sich eine eigenständige orthodoxe Tradition herausgebildet, beeinflusst von Nachbarländern und -religionen. Farbenprächtig und vielseitig ist diese Mischform, die das Münchner Völkerkundemuseum präsentiert. "Äthiopien _ Christentum zwischen Orient und Afrika" legt nach dem populären Auftakt die Betonung auf die Dokumentation der Kunst.

<P><BR>Neben einigen gesellschaftlichen Aspekten steht dabei die Malerei von 1500 bis heute im Vordergrund. Mit klaren Formen, leuchtenden Orangetönen und einer wahren Erzählfreude wird christliche Ikonographie vermittelt. Äthiopien ist das älteste christliche Land Afrikas. Vor allem im 5. und 6. Jahrhundert verbreitete sich die Religion, der heute über 60 Prozent der Bevölkerung angehören. Judentum, Islam, das katholische Europa und die lokalen Religionen haben deutlich ihre Spuren hinterlassen. Zauberrollen, in einjähriger Arbeit vom Klerus für die Krankenheilung gefertigt, zeugen davon auf Ziegenhaut oder Pergament. Auch die Kirchengebäude mit Männer- und Frauenbereichen haben ihre Wurzeln in mehreren Religionen. Der Rolle der Frau ist ein eigener, kleiner Raum gewidmet. Hier liegen die silbernen Halskreuze, die jeder Christ bei der Taufe erhält. Eiserne, feinst ornamentierte Handkreuze oder Exemplare mit geschnitzten Figuren tragen die Priester zur Segnung der Bürger mit sich.</P><P>Vor Weihwassergefäßen und Hostienstempel breitet sich die Malerei aus: Die Ikonen und kleinsten, vielfach klappbaren Altärchen verweisen auf byzantinische Herkunft. Im 16. und 17. Jahrhundert manifestierte sich der Glaube dann zusätzlich in illustrierter Buchform. Bis zum 19. Jahrhundert wurde die Malerei Äthiopiens im Kloster gelehrt und war rein religiös. Was sich geändert hat, war der Stil: Italiener, Ägypter, Syrer, Araber prägten die Werke. Nie aber schmälerten sie die leuchtende und überaus klar strukturierte Sprache.</P><P>Erst zur vorletzten Jahrhundertwende wurde der bildliche Anschauungsunterricht für das Volk freier. Vor rund hundert Jahren ebnete sich damit der Weg zur Volksmalerei mit politischen, historischen oder alltäglichen Motiven. Die Aussage bleibt dabei klipp und klar und nähert sich mitunter an Comicstrips an. So verwundert es auch nicht, dass sich erstmals das Museumspädagogische Zentrum mit Kinderprogramm und -werkstatt engagiert.Freia Oliv</P><P>Bis 12. Oktober 2003, Tel. 089/ 210 1361 00. Katalog: 18 Euro.<BR><BR></P>

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