"Äußerer Pracht entbehren"

- Zwei Jahre vor der Eröffnung des Bayreuther Festspielhauses kam es zum Krach. Richard Wagner wollte bei der Uraufführung seines "Ring des Nibelungen", die für 1876 geplant war, der "äußeren Pracht ganz entbehren" und "den Menschen ohne jede konventionelle Zutat" zeigen. Doch was brachte ihm Josef Hoffmann?

Überbordende, prachtvolle Szenerien mit Wesen in Panzern, Fellen oder bauschenden Überwürfen, detailwütige Innenansichten von Hütten oder Hallen oder dramatische Landschaftsentwürfe, bei denen jeder Ast, jeder bemooste Stein aufs Allerliebste ziseliert wurden.

1874 trennte sich daher der Komponist von dem Wiener Landschaftsmaler. Nicht nur, weil Wagner mit dem "Ring" eine andere Ästhetik im Sinn hatte, sondern weil Derartiges auf der Bühne kaum zu verwirklichen war. 130 Jahre lang waren Josef Hoffmanns Bilder verschollen oder existierten nur als abfotografierte Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Wenn nun das Richard-Wagner-Museum die Wiederentdeckung als "Sensation" feiert, dann hat es damit nicht übertrieben.

"Die Szene als Modell", eine der schönsten, wichtigsten Bayreuther Ausstellungen der letzten Jahre, bringt eine Begegnung mit diesen Kostbarkeiten, die auf einem Dachboden in Worms entdeckt wurden - und nun im Markgräflichen Opernhaus zum 130. "Ring"- Geburtstag gezeigt werden. Josef Hoffmann arbeitete doppelgleisig. Zunächst schuf er Miniaturen in Öl, von denen einige auf größeren Bildern noch einmal ausgeführt wurden. Entstanden ist dabei weniger eine szenische Anleitung für den ersten "Ring", sondern ein Gemäldezyklus mit raffinierten Lichtwirkungen und üppigen Illusionsräumen, in denen sich der Betrachter verlieren kann.

Die verspielt in den Hintergrund tänzelnden Götter, wo ein an babylonische Monumentalbauten erinnerndes Walhall auf sie wartet; der von Blitzen umzuckte Kampf zwischen Siegfried und Wotan auf einer Felsenklippe; die zerborstene Gibichungenhalle, hinter der sich eine Art Lichtdom mit der brennenden Götterburg erhebt: Momente, die wohl wirklich nur auf Hoffmanns Bildern "funktionieren".

Auch wenn sich Wagner von ihm ab- und den Coburger Theatermalern Brückner zuwandte: Josef Hoffmann hatte lediglich die Regieanweisungen wörtlich genommen. Anweisungen, bei denen Wagner bald ahnte, was er angerichtet hatte. Denn germanischer Naturalismus war ihm eigentlich zuwider, der "Ring" galt ihm letztlich auch als politische Aussage. Und dass Gattin Cosima nach seinem Tod diesen Naturalismus blindwütig verwaltete, hat dem "Ring" in den Folgejahren eher geschadet.

Auch das zeigt die Bayreuther Ausstellung. Auf der Bühne des Markgräflichen Opernhauses, die vom Zuschauerraum abgetrennt wurde, erlebt man nämlich die Entwicklung des "Rings" von 1876 bis 2000. Und dies am Beispiel von Bühnenbild-Modellen, die - zur besseren Vergleichbarkeit - meist den dritten "Walküre"-Akt zeigen. Deutlich wird, dass es in der Geschichte der Bayreuther "Ringe" zwei entscheidende Brüche gab: 1951, als sich Wieland Wagner mit seiner kargen Scheibe endgültig vom lange gepflegten, später nur geringfügig stilisierten Realismus verabschiedete. Und eben 1976, als Patrice Ché´reau die vier Opern als sozialpolitisches Drama begriff, dem Grünen Hügel und der gesamten Musikwelt den "Jahrhundert-Ring" bescherte.

1876 bis 2000: Wandlung des Bühnenbilds

Dringend notwendig ist es dabei, dem in der Ausstellung verteilten "Audioguide" zu lauschen. Sven Friedrich, Leiter des Richard-Wagner-Museums, liefert hier Wissenswertes zur "Ring"-Geschichte und zu den einzelnen Inszenierungen. Manchmal auch durchaus Anfechtbares: Wolfgang Wagners Regie von 1960 wird da etwas überraschend als "Vollendung" der Arbeit seines Bruders Wieland verklärt. Und über Jürgen Flimms Deutung aus dem Jahre 2000 ergießt sich heftige Kritik - obgleich dieser "Ring" doch, im Vergleich vor allem zum aktuellen von Tankred Dorst, zwar keine Visionen, zumindest aber gutes Handwerk bot.

Ergänzt wird die exzellente Schau durch Bühnenbildmodelle der Gebrüder Brückner aus den Jahren 1886 bis 1912. Sie zeigen, wie "Ring"-Illusion und -Mechanik zusammenwirkten. Das I-Tüpferl der Ausstellung ist aber die Kleidersammlung des Göttervaters. Kostüme aus den letzten Bayreuther "Ringen" demonstrieren nämlich nicht nur, in welch tolle Gewänder sich Wotan werfen durfte, sondern was der jeweilige Sänger alles aushalten musste: Luft- und Schweiß-Undurchlässiges, das im Wotansrock der hochkreativen Rosalie gipfelt (2000) - ein Gewand, bei dem Campingfans sofort an eine umgearbeitete Iso-Matte denken dürften.

Bis 28. 8. tgl. 9-18 Uhr, Opernstraße 14, Tel. 0921/ 759 69 22; Katalog: 20 Euro.

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