Mit äußerster Dringlichkeit

- Sich ein Leben lang treu bleiben, immer erkennbar sein und verlässlich und sich dennoch sein inneres Geheimnis bewahren: Das ist eine Frage des Charakters, das ist eine Frage der Kunst, das ist eine Qualität, die den Schauspieler Rudolf Wessely auszeichnet. Sich nicht bis auf den letzten Grund erklären zu lassen, mit jeder weiteren Rolle Neues gestatten, bislang Unentdecktes von sich preisgeben - Wessely hat es noch immer geschafft, seinen Regisseur, seine Mitspieler, seine Zuschauer zu überraschen.

<P>An diesem Mittwoch wird er 80 Jahre alt. Und zeigte uns doch kürzlich erst und in jeder Vorstellung von Lessings "Nathan der Weise" immer wieder, wie jung er im Denken geblieben ist. Wie er sich hineinwirft in die Widersprüche unserer Zeit, sie aushält und sie, um nicht an ihnen zu verzweifeln, in eine seelisch explosive Form presst. Und da er das mit höchstem Ernst, tiefster Trauer und größtem Vergnügen tut, da er mit seiner ganzen Person für die Figur des Dichters einsteht, ist es jedes Mal ein erkenntnisreiches Erlebnis, diesem Schauspieler zuzusehen. Körperlich eher klein, ist er doch ein großer Komödiant. Ein umtriebiger Mann, der nicht allein am Theater, sondern genauso bei Funk und Fernsehen gefragt ist.</P><P>Rudolf Wessely wurde am 19. Januar 1925 in Wien geboren, wo er auch seine Schauspieler-Ausbildung und erste Engagements erhielt. 1950 ging er nach Ost-Berlin zu Wolfgang Langhoff ans Deutsche Theater. Dort fiel der junge, wieselige Schauspieler rasch auf, spielte die Hauptrolle in der Uraufführung "Shakespeare dringend gesucht", des ersten Stücks seines Freundes Heinar Kipphardt, und galt seither als begnadeter Komiker. Nach acht Jahren verließ er den Osten wieder, war von nun an in München, Düsseldorf, Wien zu sehen - bis er 1976 zu Dieter Dorns Ensemble der Münchner Kammerspiele stieß. Anfangs musste man sich ihn "teilen" mit dem Burgtheater. 1984 entschied sich der Schauspieler endgültig und ausschließlich für München.</P><P>Der Komiker, der er in jungen Jahren war, ist Rudolf Wessely geblieben. Nun aber erst recht angereichert mit Leben, Erfahrung, Bildung, Zweifel, mit Liebe, Schmerz, Verantwortung, Hoffnung, was den Komiker zum Charakterdarsteller erhebt. Sein Spiel erscheint uns darum so brisant, manchmal auch so spitzfindig und besessen, weil Wessely es jeweils mit einer Dringlichkeit versieht, als wäre es gerade in diesem Moment sein letzter Auftritt. Als wäre es der letzte Theaterabend überhaupt. Was so komisch wie tragisch gleichermaßen sein kann.</P><P>Herrliche Figuren extremster Charaktere stellte Wessely auf die Kammerspiele-Bühne - von Tiresias in Heiner Müllers "Ödipus" bis zum Theobald Friedeborn in Kleists "Käthchen", vom Shlink in Brechts "Im Dickicht der Städte" bis zu Thomas Bernhards Weltverbesserer. Nie war er sich zu schade, in so genannt Unerprobtem mitzuwirken, also in Stücken, die schon vorhersehbar nicht in die Theatergeschichte eingehen würden. Seine Rolle als Sendbote und "Geburtshelfer" neuer Dramatik nimmt er ernst wie kaum ein anderer. </P><P>Unvergessen aus der Kammerspiele-Ära bleiben sein Herbert und die Frau in Achternbuschs "Der Stiefel und sein Socken" und natürlich seine Shakespeare-Figuren - der Narr im "König Lear", den er bescheiden und groß von Heinz Bennent übernahm, sowie Cymbelin.</P><P>Komödiant, Weiser und Narr</P><P>Da war es klar, dass Dieter Dorn, als er zum Bayerischen Staatsschauspiel wechselte, auf diesen Weisen und Narren nicht verzichten konnte und wollte. Angekommen im Residenztheater, füllt der rasende, mit ausgebreiteten Armen durch das Dickicht der Aussichtslosigkeiten segelnde Komödiant nun die große Bühne. Und wagt es, uns den Nathan nicht zum Gutmenschen zu verklären, sondern ihn als ganzen Menschen zu zeigen, groß und abscheulich, ergreifend und lachhaft, modern und zeitlos.</P><P>Die Theaterleitung bereitet Rudolf Wessely ein prächtiges Geschenk: Als Nächstes wird er - unter der Regie von Thomas Langhoff, dem Sohn seines frühen Entdeckers und Förderers Wolfgang Langhoff - Moliè`res "Eingebildeten Kranken" spielen. Wir wünschen dem Jubilar beste Gesundheit.<BR></P>

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