Affären mit der Musik

Mstislav Rostropowitsch: - Nichts vom gewaltigen Trubel schien er in diesen Minuten wahrzunehmen. Ganz in sich versunken saß Mstislav Rostropowitsch auf seinem Stühlchen, spielte eine Cello-Suite von Johann Sebastian Bach, in seinem Rücken die Berliner Mauer. Es war der 11. November 1989. Das Bild vom Checkpoint Charlie ging um die Welt. Rostropowitsch bezeichnete die Situation als "ganz persönliches Gebet".

Und dass er diesen Moment, zwei Tage nach der Maueröffnung, nicht mit triumphierender Geste feierte, sondern mit der intimsten, menschlichsten Musik, die überhaupt vorstellbar ist, verrät viel vom Wesen des großen Musikers, der heute seinen 80. Geburtstag feiert.

"Ich überbringe nur die Briefe des Komponisten."

Mstislav Rostropowitsch

Wie bei kaum einem anderen Künstler war Rostropowitschs Leben vom Ost-West-Gegensatz bestimmt. Der gebürtige Aserbaidschaner fiel 1971 in Ungnade, als er in der Sowjetunion für den verfemten Schriftsteller Alexander Solschenizyn eintrat. Drei Jahre später mussten Rostropowitsch und seine Frau Galina Wischnewskaja, die frühere Bolschoi-Primadonna, emigrieren.

Und 1978 wurde beiden die sowjetische Staatsbürgerschaft sogar aberkannt. Was Rostropowitsch, diesen neben Pablo Casals bedeutendsten Cellisten unserer Zeit, zur weiteren Kritik am System nur anstachelte. Und zu einer zweiten Karriere: als Dirigent des National Symphony Orchestra in Washington - eine Aufgabe, die die sowjetischen Machthaber mehr ärgern musste als jede andere Chefposition.

Rostropowitsch, von Freunden "Slawa" genannt (was übersetzt Ruhm bedeutet), war und blieb der politische Künstler. Er trat unermüdlich für Sacharow ein, demonstrierte auf dem Roten Platz für Gorbatschow, hielt mit Jelzin im Moskauer Regierungssitz aus, als ein kommunistischer Putsch das "gewendete" Land bedrohte. Sein Spiel und seine Dirigate schien das alles nur noch zu befeuern: Rostropowitsch ist ein formbewusster, hochemotionaler Künstler. Und ein Barockmensch - nicht nur seine feudalen Wohnungen und seine Lust zu feiern künden davon.

Was er freilich nicht ist: ein verbohrter Besserwisser. Wer ihm begegnet, ist ihm augenblicklich verfallen. Seiner Warmherzigkeit, seiner Liebenswürdigkeit, seinem auch im Alter noch überschäumendem Temperament, vor allem aber seinem Humor. Orchestermusiker bekommen leuchtende Augen, wenn sie von Rostropowitsch sprechen. Er ist ein Dirigent, für den sie offenbar alles tun. Nicht nur, weil sie sich von seiner Interpretation begeistern lassen, sondern weil sie sich für diesen Menschenfreund aufopfern wollen.

Regelmäßig ist Rostropowitsch zu Gast am Pult des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Phänomenale Konzerte gelangen, und für kommenden Herbst ist schon wieder ein Projekt in Planung. Seit einigen Monaten sieht es indes gar nicht gut aus um Rostropowitsch.

Er musste ins Krankenhaus und sich einer Leber-Operation unterziehen. Dass ihn am Krankenbett Wladimir Putin besuchte, dass der russische Präsident zudem einen Geburtstagsempfang im Kreml geben möchte, zeigt, wie wichtig Rostropowitsch noch immer für sein Heimatland ist. Wer ihn kennt, kann sich allerdings leicht ausmalen, was er in solchen Momenten über Politiker denken dürfte, die ihn aus durchsichtigen Gründen hofieren.

Ob Cellist oder Dirigent: Mstislav Rostropowitsch trug seine Interpretationen nie eitel vor sich her. "Ich überbringe nur die Briefe des Komponisten", sagte er einmal im Interview mit unserer Zeitung. Und von eigenen Versuchen als Tonschöpfer nahm er schnell wieder Abstand: "Ich habe viele verschiedene Affären mit Komponisten - warum sollte ich selbst etwas schreiben?"

Rostropowitschs Spiel inspirierte große Meister wie Schostakowitsch, Prokofjew, Britten, Bernstein oder Boulez. Fast 70 Uraufführungen kamen zusammen - eine erstaunliche Zahl. Dabei darf nicht vergessen werden, dass es vor Rostropowitschs Karriere (und der Pablo Casals‘) in der klassischen und romantischen Literatur nicht viele nennenswerten Cello-Werke gab. Stets jedoch kehrte er in Konzerten zum größten Genie nicht nur des Barock zurück: "Ohne Bach gibt es kein Leben für mich."

Und das Ende dieses Lebens hat sich Mstislav Rostropowitsch einmal auf seine ganz eigene, humoristische Weise ausgemalt. Seine Frau hat er nämlich angewiesen: "Wenn ich sterbe, besorgst du schnell einen Sarg, trommelst meine Freunde zusammen, wir fliegen alle mit der Concorde, und dann komme ich zweieinhalb Stunden, bevor ich sterbe, in New York an."

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