Der afghanische Patient

- Gerade mal 41 Jahre alt ist Michael Winterbottom, doch die Filmografie des Briten enthält bereits 20 Titel, darunter das Beziehungsdrama "I want You", "Welcome to Sarajewo" über einen Kriegsreporter und der Western "The Claim". Perfekt beherrscht dieser Regisseur die Vielfalt des Filmemachens. Ein Künstler der Emotion, einer, der immer Anteilnahme für das zu wecken vermag, was auf der Leinwand geschieht, auch wenn man sich dem womöglich zunächst fern fühlt. Sein Kino ist engagiert und leidenschaftlich. Dass Winterbottom mit dem Goldenen Bären der Berlinale endlich seinen ersten großen Preis gewonnen hat, war überfällig.

<P></P><P>Schade bleibt trotzdem, dass er ihn ausgerechnet für sein schwächstes Werk bekam, nach drei früheren, erfolglosen Teilnahmen mit erheblich besseren Filmen sowie drei weiteren glücklosen Versuchen in Cannes. "In this World" erzählt die Geschichte zweier afghanischer Jungen und spiegelt damit das millionenfache Schicksal der Flüchtlinge und Migranten der Welt wider. Erfundene Handlung, in pseudodokumentarischem Stil mit Handkamera inszeniert; Laien, die ihre Flucht nachstellen.</P><P>Ästhetisch bleibt der Eindruck einer verfilmten Armutspostkarte. Wie ein Elendstourist des lackierten Betroffenheitskinos reist Winterbottom seinen Figuren nach, und zwischen gelbem Sand und roten Bergen, einsamen Kamelen, traurigen Eingeborenen und großen Gefühlen kommt einem zwischendurch schon mal in den Sinn, den Film umzutaufen: "Der afghanische Patient". Erklärbar ist die mit vielen Buhs aufgenommene Entscheidung nur als politisches Zeichen: Gesinnung und Schauplatz passen zu gut.</P><P>Insgesamt bot der Wettbewerb kaum echte Überraschungen und nur geringe stilistische Breite, aber solides, stellenweise hohes Niveau. Bemerkenswert ist besonders die doppelte Preisvergabe an chinesische Filme: Neben der Bilderpracht von Zhang Yimous "Hero" ist Li Yangs "Blinder Schacht" schon deshalb bedeutend, weil hier erstmals ein offizieller - von der Zensur genehmigter - Beitrag aus der Volksrepublik unverstellt Korruption, Prostitution und soziales Elend der Gegenwart zeigt.</P><P>Die anderen Preisträger gehen ebenfalls in Ordnung, wenn auch die Vergabe zu regional ausgewogen und politisch brav war, um künstlerische Signale zu setzen. Nur der neben "Hero" beste Film des Wettbewerbs blieb ohne Preis: Spike Lees "25th Hour" mit einem großartigen Edward Norton, der einen Drogendealer an seinem letzten Tag in Freiheit vor siebenjähriger Haftstrafe spielt, ist eine eindringliche Momentaufnahme des gegenwärtigen New York. Ein Drama über Schuld und Sühne, bei dem der Schock des 11. September immer präsent bleibt und Lee geschickt die "Idee Amerika" gegen manche Realität ausspielt. Wohltuend ernüchternd ist, dass die drei deutschen Beiträge gerechterweise nicht einmal mit Trostpreisen bedacht wurden.</P><P>In Vielem war die diesjährige Berlinale ein Sparfestival: Um zwei Tage gekürzt, war früh die Luft 'raus. Von Sparzwang zeugten auch die Retrospektiven: Murnau mit seinen nur zwölf Filmen begeisterte zwar Jung und Alt, Anouk Aimé´e (Ehrenbär) hingegen war im Vergleich zu Shirley MacLaine, Jeanne Moreau oder Kirk Douglas eine zweitklassige Wahl - entsprechend musste sie ihre Pressekonferenz vor halb leerem Saal durchstehen, womit das Festival auch der Diva keinen Gefallen tat.</P><P>Dass die größten Entdeckungen immer wieder in den Sektionen "Panorama" und "Forum" laufen, ist bekannt. Drei herausragende Filme seien genannt: "Sympathy for Mr.Vengeance", eine archaische Rachegeschichte des Koreaners Park Chan-Uk, und der beste deutsche Film, Christian Petzolds glänzendes Melodram "Wolfsburg" - beide hätten in den Wettbewerb gehört. Ein bemerkenswertes Debüt gelang schließlich dem Münchner Christoph Hochhäusler mit seinem HFF-Abschlussfilm "Milchwald", ebenfalls im Forum. </P>

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