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Zwiegespräch mit Katja Bürkle und Stefan Merki.

"Agatha": Falsch verstandenes Tanztheater

München - Julie Van den Berghe inszenierte Marguerite Duras’ weltfernen Dialog „Agatha“ für die Münchens Kammerspiele. Der Applaus am Ende war tatsächlich heftig – aber wofür?

Die Welt brennt. Und die Flämin Julie Van den Berghe inszenierte für die Spielhalle der Münchner Kammerspiele den weltfernen Dialog „Agatha“ der französischen Schriftstellerin und Filmregisseurin Marguerite Duras (1914-96). Diese Freiheit muss Theater haben. Und es wäre ja durchaus auch die Möglichkeit gegeben, mit Duras’ intimem Zwiegespräch zweier jetzt erwachsener Geschwister, die vor der selbst beschlossenen endgültigen Trennung ihre Liebe erinnernd noch einmal intensiv durchleben, den Zuschauer zumindest für einen meditativen Moment aus dem Alltag herauszuheben. Der Applaus am Ende war tatsächlich heftig – aber wofür?

Ja, Katja Bürkles Agatha – mit Knieschonern! – und Stefan Merki, der schon vor Beginn sägt und dübelt (von hinten hielt man ihn für einen Bühnenarbeiter), leisten harte physische Arbeit: In André Joostens imposanter Szenographie, die allerdings Duras’ so poetischen Erinnerungsort „verlassene Villa am Meer“ zur nüchternen Großbaustelle umfunktioniert, hippeln und trippeln die beiden ihre Kinderspiele. Sie balancieren mit segelnd ausgebreiteten Armen auf Holzleisten und Backsteinen, rollen ineinander verschlungen auf der Sanddüne, die bis ins Haus hinaufgeweht ist. Action ohne Ende, und nur in langen Abständen Dialog-Fetzen, und dann auch über die Weite der Halle geschrien.

Van den Berghe, Regisseurin für das Nederlands Theater Gent, der vorigen Wirkstätte von Kammerspiele-Intendant Johan Simons, zerrt das intime, auch wieder autobiografisch gefärbte Seelengeflüster der Duras – die Utopie der Bewahrung einer Liebe durch ihre bewusste Beendigung – in den banalen Sandkasten eines plakativen, eines falsch verstandenen Tanztheaters. Pina Bauschs Bilder haben nie bebildert. Ihre Körpermetaphern waren stumm sichtbar gemachte Gefühle. Und darum geht es doch bei Duras. Wo war hier Gefühls-Spannung, wenigstens ein Hauch von Erotik in diesem turnenden Körpertheater?

Die Klavier-Saxophon-Jazzzimprovisationen von Harpo’t Hart und Ulrich Wangenheim, Bürkles nackter Busen, die lange, irgendwie unpassende Kussszene, das bleiben lediglich aufgesetzte Accessoires. Und Stefan Merki, der hervorragend sein kann, hat man mit dieser Rolle keinen Gefallen getan.

Das, was an der Duras auch heute noch so spannend ist, ihre vom „nouveau roman“ beeinflusste Sprache, kommt aus einem Kofferradio: Es sind die Stimmen von Hildegard Schmahl und Walter Hess, die, leider allzu selten, Dialogteile sprechen. Worte, Sätze, musikalisch, sinnlich, die diese abgehoben intellektuell-emotionale Geschichte fühlbar machen. – Augen zu und sich aufs Mini-Hörspiel konzentrieren.

Malve Gradinger

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