Aggressionen genossen

- Nachdem das Mozart-Jubeljahr allmählich abebbt, steigt zum Münchner Saisonbeginn ein zweiter Jubilar auf: Dmitri Schostakowitsch, dessen 100. Geburtstag die BR-Symphoniker mit einem kleinen Festival feiern und mit dem am Donnerstag (Gasteig) auch die Münchner Philharmoniker in ihre neue Saison starteten.

Russischen Rückhalt sicherten sie sich mit dem Dirigenten Yakov Kreizberg und dem Geiger Vadim Repin, der das erste Violinkonzert zu einem Erlebnis machte. Repins Gelassenheit, seine Ruhe, seine absolute Souveränität und der Verzicht auf alles Spektakuläre zogen den Zuhörer sofort mitten hinein ins Zentrum der Musik, wo es um strukturelle Zusammenhänge, um Binnenspannung, um Ausdruck geht. Um Klagendes, Aufbegehrendes, um wild punktierte Tänze (Scherzo und Finale) mit folkloristischer Färbung.

Repin war mit raumfüllendem Ton, großem Atem und nicht nachlassender Intensität ihr beeindruckender Botschafter -bis hinein in die ausladende, gewichtige Kadenz. Kreizberg und die Phil-harmoniker fungierten als wache Partner und gefielen vor allem in der interessanten Instrumentierung mit dunklem Holz und Hörnern. Obwohl Kreizbergs arg steifes, manchmal hektisches und selten geschmeidiges Dirigat etwas irritierte, gelang ihm auch mit Schostakowitschs Fünfter eine packende Interpretation.

Die Philharmoniker -in allen Instrumentengruppen entspannt und zugleich hochmotiviert agierend -ließen sich ein auf Kreizbergs spannende, rhythmisch, dynamisch und emotional ausgereizte Gangart. Mit sicherem Gespür für die Proportionen des Werks inszenierte er kurze dramatische Ballungen, klangliche Schärfen, genoss geradezu die triviale Plakativität im Allegretto und konterte den bis an die Hörgrenze getriebenen Pianissimo-Ausklang des Largo mit dem lärmendaggressiven Finale.

Kreizberg und die Philharmoniker ließen keinen Zweifel daran, dass hier das Zuviel regiert, hinter dem Schostakowitsch sich verbirgt. Begeisterter, lang anhaltender Applaus für die Philharmoniker, ihren Dirigenten und besonders für Vadim Repin.

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