Agnes Baltsa: Ich bin eine Exhibitionistin

- Manche Rollen hat Agnes Baltsa so geprägt, dass man sie sich gar nicht mehr anders vorstellen mag. Bizets Carmen gehört dazu, auch Verdis Eboli oder die Titelpartie in Rossinis "Italienerin in Algier". Die griechische Mezzosopranistin gehört zu den Superstars der Szene ­ und gastiert am kommenden Freitag mit einem Arienkonzert im Münchner Herkulessaal. Nikos Athinäos dirigiert die Münchner Symphoniker.

Warum sind Sie eigentlich so selten in München?

Agnes Baltsa: Ich habe hier studiert, viel in der Oper gesungen. Es ist eine tolle Stadt, ein tolles Publikum. Was soll ich Ihnen sagen, wenn ich nicht eingeladen werde? Ich kann ja schlecht in der Oper anrufen und sagen: Guten Tag, ich bin Agnes Baltsa, Mezzosopranistin, und ich glaube, meine Stimme geht immer noch. Hätten sie eine Kleinigkeit für mich? (lacht.)

Auf dem Programm Ihres Konzerts findet sich auch die Carmen. Haben Sie sich nie, bei all Ihren Carmens gedacht: Aus, ich habe genug von ihr?

Baltsa: Es war immer schwer, wenn ich, die ich geprägt bin von einem wunderbaren Konzept von Jean-Pierre Ponnelle, in verunglückte, nicht funktionierende Inszenierungen kam. Ich hatte meist das Glück, dass ich tolle Partner hatte. Bei Langweilern oder Routiniers dachte ich mir dagegen oft: Warum machst du das eigentlich?

Ist die Rolle irgendwann eingerastet? So weit, dass man gar nichts Neues mehr akzeptiert?

Baltsa: Ich bin eine moderne Frau. Und ich wäre schon bereit, neue Wege zu gehen ­ wenn Musik und Sänger respektiert werden. Das vermoderte Zeug von vor 40 Jahren brauchen wir nicht mehr. Aber ausziehen auf der Bühne, nur um meine Brüste zu zeigen ­ das ist idiotisch, wer braucht das? Die Welt ist gesättigt von Bildern mit nackten, bildschönen Menschen. Gut, ich bin eine Exhibitionistin. Aber eine Produktion, nur um zu provozieren? Das langweilt mich. Wenn ein Mensch sich reinschmeißt, das bewegt nach wie vor ­ und lockt auch junge Besucher an. Ich muss da mal an Eure Produktion mit den Affen erinnern, auch wenn ich sie nicht gesehen habe. Ich finde Doris Dörrie großartig, aber warum muss sie "Rigoletto" so inszenieren?

Also braucht die Oper Exhibitionisten.

Baltsa: Natürlich! Ich habe immer meine tiefsten Gefühle und Regungen offengelegt.

Sie taten sich mit Ihrem Temperament allerdings leichter als Kollegen, die zum Spiel einfach Regie brauchen.

Baltsa: Aber ich brauche auch Regieanweisungen! Sicher, manchmal haben die gedacht: Ah, jetzt kommt die Agnes. Wie möchtest du es machen? Und ich habe gesagt: Ich möchte gar nichts machen. Sag‘ mir, wie du dir das vorstellst. Regisseure brauchen ein Konzept, sie müssen aber ihre Sänger dabei im Blick haben.

Sie sagten einmal, Sie wollten nicht als Produkt verkauft werden . . .

Baltsa: Will ich auch nicht. Ich bin ein kleiner Mensch. Dieser Mensch braucht Zuneigung, hat seine Fehler. . .

Aber der Name Agnes Baltsa steht doch für etwas. Für eine ganz bestimmte Emotionalität und Identifikation mit der Rolle. Und das wollten die Opernhäuser eben haben.

Baltsa: Ja gut. Aber Produkt ist ein zu böser Begriff. Ich habe eben viel vom lieben Gott bekommen. Eine Stimme. Dazu Hirn und Seele, damit ich diese Stimme einsetzen kann. Ich habe allerdings die Nase voll, wenn ich ständig Star, Diva, Primadonna und Maria Callas höre. Es gibt keine Callas nach der Callas. So wie es keinen zweiten Elvis Presley gibt!

Bedauern Sie heutige Anfänger?

Baltsa: Nein. Jede Zeit hat ihre Ausdrucksmittel. Nur manchmal gibt es Missverständnisse. Man betreibt zum Beispiel eine sehr aggressive PR-Maschine. Wie mit Kalaschnikows, das Geschäft ist eiskalt. Und damit werden Sänger zu wirklichen Verkaufsprodukten geformt. Ein bisschen Demut, ein bisschen runterschrauben und in sich hineinhorchen, das täte der Sache gut.

Sie schwärmen immer von den großen Künstlern, die Ihre Karriere begleiteten. Wie motiviert man sich, wenn mal kein sensationeller Dirigent im Graben steht?

Baltsa: Vielleicht klingt es egoistisch. Aber ich sage von mir: Ich war immer so gut wie meine Umgebung. Man spürt auf der Bühne Ängste und Verantwortung. Von tollen Kollegen kommt da immer eine Hilfe. Man atmet, fühlt und schwitzt mit ihnen. Und im anderen Fall kann man eben unbewusst runtergezogen werden.

Spüren Sie immer noch Unsicherheit? Oder legt man das im Laufe der Karriere ab?

Baltsa: Nein. Ich bin extrem aufgeregt, wenn ich in der Garderobe sitze. Ich habe einige riesige Rivalin, und das bin ich selbst. Die Zeit lässt sich nicht leugnen. Ich kann ja wohl nicht behaupten, dass ich noch 40 bin.

Gab es einen Moment, an dem Sie gesagt haben: Ich schmeiß‘ alles hin und mache was anderes?

Baltsa: Niemals. Wenn ich hundert Leben leben dürfte, würde ich hundertmal dasselbe machen. Ich bin unendlich dankbar. Seien wir ehrlich, ich singe zwar bis 2009 die Küsterin in "Jenufa". Aber meine Karriere, ich bitte Sie, ist gelaufen.

Klingt ganz schön hart.

Baltsa: Das finde ich nicht. Den letzten Akt will ich eben mit großer Freude und mit einem Schmunzeln erleben ­ nicht mit Verbitterung. Obwohl: Vielleicht sollte ich doch mal im Nationaltheater anrufen . . .

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