"Aias" kämpft gegen "Aias"

- So berühmt wie Odysseus, sein Widersacher, wie Achill, ja selbst wie Agamemnon ist er nicht. Aias kennen wir nur mehr als Ajax - Hundename, Putzmittel oder Fußballverein. In der Tat sind perfekte Kampfmaschinen - und eine solche soll der Griechenheld gewesen sein - recht langweilig. Zumal für die Künste. Wenn sie für Nachruhm sorgen sollen, müssen sie spezielles Futter bekommen. Bei Aias ist es sein Untergang.

<P class=MsoNormal>Der Unbesiegbare besiegt - durch Lächerlichkeit. Nicht allzu viele Künstler haben sich an die Tragik des gebrochenen Muskel-Kolosses gewagt. Der sagenhafte Torso vom Belvedere (Vatikanische Museen) - wohl ein verzweifelter Aias - setzt sie plastisch um, dramatisch und sehr argumentativ, wie auch in "Antigone", hat sich Sophokles mit ihr in "Aias" beschäftigt. Benjamin Walther hat sich nun seinerseits an den Stoff gewagt und das Stück in der Übersetzung von Dietrich Ebener im Münchner Theater im Haus der Kunst inszeniert.</P><P class=MsoNormal>Damit führt das Bayerische Staatsschauspiel seine Antiken-Reihe konsequent fort. Sie diskutiert vor allem Motive, die sich um den Trojanischen Krieg lagern. Ihre Konfliktintensität ist unvermindert aktuell, schmerzt mehr als manch Zeitgenössisches. Im Haus der Kunst schmerzen zunächst Kreuz und Po den Zuschauer, weil er auf lehnenlosem Hocker dem Spiel folgen soll. Zwei Seiten der Halle sind Bühne; man dreht sich also gelegentlich um. Das mag zum diskursiven Tenor des Dramas passen, ist aber nicht wirklich einleuchtend umgesetzt. Ebenso wenig wie die Videos von Knut Klaßen, die über die Wände laufen, mal ein bisschen Abu Ghraib zitieren, mal ein bisschen in Seelen gründeln. Man würde lieber schmerzfrei ergo konzentriert zuschauen dürfen.</P><P class=MsoNormal>Sophokles stellt Aias und Odysseus in einem Prolog vor. Jeder erklärt in einer Rede, warum ihm die Waffen des gefallenen Achill zustehen. Walther misslingt dieser programmatische Auftakt. Er weiß weder mit den Charakteren noch mit ihren Argumenten etwas anzufangen, und kann daher den Schauspielern auch nicht helfen, zu ihren Figuren zu kommen. Oliver Nägeles Aias tritt als tumber Gewichtheber auf, der schon mal ausflippt und stiefelt. Heiko Raulins Odysseus, erst auf Krücken, dann plötzlich leichtfüßig, als alerter Rhetoriker in Parka und weißen geckigen Schuhen (Kostüme, Bühne: Ann Heine). Da geht auch Sophokles' kühne "Schnitttechnik" unter, die blitzartig mitten hinein in Aias' Wahnsinnstat führt. Raulin und vor allem Eva Gosciejewicz als Athene, die den Untergang des Helden betreibt, müssen das ins Läppische ziehen. Athene wird als Klischee einer bösartigen Hollywood-Göttin, die mit Menschen spielt, festgezurrt.</P><P class=MsoNormal>Auch für Nägele gilt, dass er besonderes Kunst-Futter braucht: Wenn er sich in Aias' Tragik hineinarbeiten kann, wenn ihm in der mit einem grotesken Schwangerenbauch schlimm zugerichteten und doch zu tiefst überzeugenden Lisa Wagner eine echte Partnerin zuwächst, dann macht er endlich sein Spiel, formt einen "großen" Aias. Die Szenen zwischen ihm und Lisa Wagners Tekmessa - geschundene Kriegsbeute, kluge, sogar liebende und völlig heutige Frau - sind die vielschichtigsten. Faszinierend, bewegend. Sie machen klar, dass die Accessoires der Inszenierung (Polit-Gelaber, Show-Einlagen et cetera) nicht einmal netter Modeschmuck sind, sondern überflüssiges Zeug. Es stört die Schauspieler und ihren Austausch mit dem Publikum. </P><P class=MsoNormal>Die Künstler des Ensembles, die dem - wohl aus Unsicherheit entstandenen - Klammergriff der Regie emanzipiert gegenüberstehen und deswegen ihre Rolle formen können, verschaffen der Aufführung beeindruckende Episoden. Dazu gehört neben Wagner und Nägele Marc Oliver Schulze als Teukros, Halbbruder von Aias. Ausstaffiert als guter Hirte reißt er nach einer ekelhaft ausgewalzten Vergewaltigung den Abend wieder auf Staatsschauspiel-Niveau. Ein junger Darsteller, dem man mit Freude zuschaut, wie er von Stück zu Stück neue Schattierungen dazugewinnt. Ende gut? Nein, es wird wieder von Athene und Odysseus verzappelt.</P><P class=MsoNormal>So kann der Zuschauer im Haus der Kunst eine gute und eine schlechte "Aias"-Inszenierung in einer erleben. Zwischen diesen Verwerfungen geht allerdings Sophokles' eben gar nicht muffig abgestandene Lebensphilosophie und Politikanalyse ziemlich unter. Kurzer, freundlicher Applaus.</P>

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