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Tragödie eines Feldherrn: Gaston Rivero als Radames, Sergii Magera als Ramphis (re.), hinten Monika Bohinec als Amneris mit dem Chor.

Premieren-Kritik

Das ist Münchens beste Verdi-Produktion

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München - Torsten Fischers Gärtnerplatz-„Aida“ im Prinzregententheater ist Münchens derzeit beste Verdi-Produktion. Und eine Kampfansage an den großen Bruder wenige Straßen weiter.

Wer an den Schalthebeln sitzt oder in Konferenzen, muss sich nicht schmutzig machen. Im Kriegsfalle bleibt der Charakter zwar befleckt, die Weste aber rein. Und wer macht dann die Drecksarbeit? Solche Männer wie Radames eben. Die müssen raus zur Nahost-Schlacht, und wenn sie nicht mehr gebraucht werden (aus Macht- oder Liebesgründen oder was auch immer), werden sie entsorgt. Mehr noch als das Drama einer versklavten Königstochter, davon erzählt dieser Abend, ist Giuseppe Verdis „Aida“ die Tragödie des Feldherrn Radames. Außerdem bringt der Mann Farbe in die keimfreie Schwarz-Weiß-Grau-Welt der Politik. Es ist das Rot des Blutes.

Man reibt sich ein wenig die Augen, mehr noch: ist verblüfft. Verdis Elefantenstück, oft missbraucht, regietechnisch meist ein Fall fürs Fettnäpfchen, kann tatsächlich ohne Konzeptanfälle ins Heute geholt werden. Und dass dies ausgerechnet einer Gärtnerplatz-Premiere gelingt, hier, in der Ausweichspielstätte Prinzregententheater, ist nicht nur ein starkes Stück, sondern auch eine Kampfansage an den großen Bruder ein paar Straßen weiter: Es ist die beste Verdi-Produktion, die derzeit in München zu sehen ist.

Vieles passt da zusammen. Die klare, kühle Bühne (Herbert Schäfer, Vasilis Triantafillopoulos), die die Fokussierung auf die Menschen zulässt, die Sängern dabei ihre schwere Arbeit verrichten lässt und wirkungsmächtige Bilder erlaubt. Torsten Fischer, ein handwerklich exzellenter Regisseur, verzahnt dabei Wirklichkeit und Surreales. In der direkten Begegnung der unglücklich Liebenden, ob mit Amneris oder Aida auf der Frauenseite, hat der Abend Schauspielqualität. Die Chornummern treibt Fischer ins Ritualhafte – mit fantasievollen Einfällen bei Radames’ Feldherrnweihe oder indem er, was sonst im Off stattfindet, sichtbar macht: Die Verurteilung von Radames, der einsam und allem ausgesetzt auf der Bühne steht, während er von einer weit hinten sitzenden Chorphalanx angeklagt wird, gehört zu den eindrücklichsten Momenten.

Dem Gärtnerplatz-Team ist die Besetzung gelungen

Schnell wird klar, dass Fischer vor allem mit dem Heerführer etwas anfangen kann. Gaston Rivero gibt ihn als erschöpften, bulligen Kämpfer, dem Herz und Maschinengewehr schwer geworden sind. Einer, dem seine Gefühle im Weg stehen, ein italienischer Cousin Wozzecks gewissermaßen. Und sobald der Südamerikaner den Mund aufmacht, wird man an eines erinnert: Schwerer noch, als eine „Aida“ szenisch in den Griff zu kriegen, ist sie zu besetzen. Auch das ist dem Gärtnerplatz-Team gelungen.

Rivero kann mit einem großkalibrigen, nie verspannten Tenor wuchern. Keine Sekunde ist so etwas wie Forcieren hörbar, die Stimme gehorcht auch im Lyrischen – im Todesduett, vor allem aber anfangs, wenn Rivero (wie vorgeschrieben!) das hohe B im Piano zurückholt. Auch Sae Kyung Rim (Aida) kommt von der dramatischen Front, ein robuster, nie zu ausladender Sopran, dem nur ein paar Finessen mehr zu wünschen wären. Regisseur Fischer lässt die Sklavin, den Fremdkörper, in einer Burka auftreten. So ganz kommt die Titelheldin dabei aus dem Flachrelief nicht heraus, da wird ihr die Schau von zwei anderen gestohlen. Von Monika Bohinec, als Amneris mehr liebende Salondame als Biest und vokal im Laufe des Abends zu bestechender Form auflaufend. Und von Elaine Ortiz Arandes. Die darf als Priesterin Thermouthis zwar nur ein paar Beschwörungen singen, ist aber stets auf der Szene – und saugt dabei die Aufmerksamkeit an, als habe ihr Verdi mindestens zwei Arien vergönnt. Francesco Landolfi verbindet als Amonasro Wohlklang mit Durchschlagskraft – auch so eine Besetzung, die aufhorchen lässt.

Dass es ein paar Momente gibt, die im Dekorativen steckenbleiben oder im Klischee (Sergii Magera als sonnenbebrillter, etwas grob singender Mafioso-Ramphis), kratzt nicht an der Güte der Produktion. Auch nicht, dass sich Fischer Anleihen bei Kollegen gestattet: Der schwächliche, irritierte König (Holger Ohlmann), dem am Ende vom Oberpriester der Garaus gemacht wird, könnte aus einer Neuenfels-Inszenierung zugelaufen sein.

Chefdirigent Marco Comin darf endlich die Leinen loslassen. Das größere Prinzregententheater kommt seinem Temperament entgegen. Wobei einem sein Verdi gar nicht um die Ohren fliegt. Wo andere knallig werden, überrascht zunächst die Wärme des Orchesterklangs. Comin setzt eher auf zügige Tempi, meidet breites Pathos. Mit der Zeit ändert sich das, eigenartigerweise erst, nachdem die Schlager des (hervorragend präparierten!) Chors vorbei sind. Da riskiert er mit seinen gut mitgehenden Musikern Zuspitzungen, Kulminationspunkte, heftig herausstechende Details. Auch am Ende, wenn sich ein riesiges Metallgitter über die beiden Todgeweihten senkt: keine Melancholie, keine Weinerlichkeit, sondern ehrlich empfundene Emotion.

Jubel, Trampeln – Münchens Opernfestspiele haben heuer schon am 18. Juni begonnen.

Weitere Vorstellungen

am 20., 21., 22., 24., 27., 28. und 29. Juni; Telefon 089/ 2185-1940.

Markus Thiel

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