Akademie-Ausstellung in Berlin: "Der 17. Juni und die Künstler"

- Berlin - Nur vier Jahre nach der Staatsgründung 1949 waren viele Künstler in der DDR verwirrt und verunsichert - der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 hatte laut Bertolt Brecht ihre "ganze Existenz verfremdet". Parallel zum aufgestauten Unmut unter den Arbeitern hatte sich auch unter den Künstlern und Schriftstellern ein großes Unbehagen über die SED-Regierung breitgemacht. Das dokumentiert die Ausstellung "Volksaufstand oder Konterrevolution? Der 17. Juni und die Künstler" der Berliner Akademie der Künste, die von diesem Mittwoch an gezeigt wird.

<P>Heiner Müller, der später mit seinem "Lohndrücker" selber in die kulturpolitischen und ideologischen Auseinandersetzungen zwischen Partei und Künstler geriet, sah in den damaligen Ereignissen bereits einen "Drehpunkt in der DDR-Geschichte, den 17. Juni als die letzte Chance für eine neue Politik". Brecht notierte: "Es steht mehr auf dem Spiel als der Fall einer Regierung." Dokumentiert wird in der Ausstellung ein Aktenvermerk vom damaligen Direktor der Deutschen Akademie der Künste (Ost), Rudolf Engel, vom 26. Januar 1953 mit "einigen Hinweisen über die Gründe von Missstimmungen bei Mitgliedern unserer Akademie". So wird der Komponist der DDR-Nationalhymne, Hanns Eisler, mit der Frage zitiert "Ist denn alles falsch, was wir machen?"</P><P>Beinahe tumultartige Formen nimmt eine Akademiesitzung am 2. Juli 1953 an: Es kommt zum Zusammenstoß zwischen Brecht und dem hohen SED- Funktionär Alexander Abusch. Dieser hatte die sofortige Absetzung des Chefredakteurs der kulturpolitischen Zeitschrift "Sinn und Form", Peter Huchel, gefordert. Es ging um den Abdruck von Eislers Oper "Johann Faustus", zu der Abusch einen Artikel schrieb. Brecht rief Abusch erregt zu: "Ihr Artikel ist ein Geschmiere, aber Eislers Dichtung ist ein Kunstwerk." Huchel blieb noch bis 1962 Chefredakteur, bis er in den Westen ging.</P><P>Die Ausstellung dokumentiert sowohl öffentliche Wortmeldungen von Künstlern und Schriftstellern als auch private Tagebuchaufzeichnungen sowie literarische Verarbeitungen des Stoffes. Dazu gehören der Roman "5 Tage im Juni" von Stefan Heym, der in der DDR nicht erscheinen durfte, sowie das Theaterstück zum Thema "Die Plebejer proben den Aufstand" von Günter Grass von 1966. Als überraschend bezeichneten es die Ausstellungsmacher, dass Stellungnahmen von westdeutschen Autoren zu den Ereignissen vom 17. Juni kaum überliefert sind. Man habe dazu auch kaum etwas im Archiv der "Gruppe 47" gefunden, das sich in der Akademie befindet.</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff
Hamburg - Jörg Widmanns monumentales und mehrheitsfähiges Oratorium „Arche“ ist eine Maßanfertigung für die Hamburger Elbphilharmonie. Die Konzertkritik.
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff
Im Minenfeld
München - Bernhard Maaz, Chef der Staatsgemäldesammlungen, spricht im Merkur-Interview über Kunst in der NS-Zeit, Gurlitt, Raubkunst, Provenienzforschung und Restitution.
Im Minenfeld

Kommentare