Ein akkurat gescheitelter Schubert

- Ein Festival mit Berlioz' ausufernder Totenmesse starten und es fünf Wochen später mit gramvoller Jenseitssucht à la Mahlers "Lied von der Erde" beschließen: typisch Österreich, wo Morbidezza ein genetisch verankerter Charakterzug scheint. In solch grauem Lichte gesehen überrascht die musikalische Klammer der Salzburger Festspiele also keineswegs, dem Israel Philharmonic Orchestra unter Münchens Opern-GMD Zubin Mehta war nun das Finale im Großen Haus vorbehalten.

<P>Mehta, der in seinen Wiener Studienjahren viel von solcher Stimmung erspürt haben dürfte, ist daher der rechte Mann für Mahlers Opus. Für die sublimen Farbübergänge, die intime Finesse, auch fürs melancholische Aufrauschen und den verbitterten Humor - in dieser Aufführung stets von einer Schönklang-Korona umkränzt. Und das dunkle, wattierte Timbre des Orchesters, aus dem sich sämige Soli schälten, stützte die Deutung noch.</P><P>Beim Gesangsduo ließ sich kein größerer Gegensatz denken: Peter Seiffert, eben noch Bayreuths Schwanenritter, gab mit barocker Attitüde den Lustmenschen, zeigte nuancierte bis effektvolle, fast maßlose Helden-Emotion - ein Tenor auf seinem Karrieregipfel, dem Münchner Fans (da er dummerweise selten an der hiesigen Oper engagiert wird) eben nachreisen müssen . . . Deborah Polaski gefiel sich elegisch gestimmt, als in sich ruhende Klangsäule und überließ Doppelbödigkeit dem Orchester. Ein hochdramatischer Sopran in dieser Mezzo-Partie? Polaskis Stimme, die in Extremlagen leicht zerfasert, kam der Ausflug ins Fachfremde, der ihr eine lyrische Linienführung erlaubte, nur zugute.</P><P>Vor der Pause ein weiterer Wiener, Franz Schubert, auf dessen sechster Symphonie noch nicht der Schatten des Spätwerks liegt. Vorausgesetzt, man interpretiert sie so wie Mehta. Denn derart bruchlos und behaglich kann der Meister die Sache auch nicht gemeint haben. Mehta trug das Werk mit Samthandschuhen, produzierte gelassene Grazie und führte einen braven, akkurat gescheitelten Schubert vor. Mehr als ein Warmlaufstück war wohl nicht drin - eine Interpretation, die danach von Mahler ohnehin erdrückt wurde. Und "ewig blauen licht die Fernen - so melancholiesatt wollte das Publikum offenbar nicht aus der Festspielstadt entlassen werden, daher: ortsüblicher Jubel.<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Waka waka: Shakira bringt die Olyhalle zum Ausflippen
Popstar Shakira hat am Sonntagabend in der ausverkauften Olympiahalle die Massen zum Ausflippen gebracht. Die Kritik:
Waka waka: Shakira bringt die Olyhalle zum Ausflippen
Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette
Wie andere könnte man sich über die Operette lustig machen. Oder man nimmt den „Tapferen Soldaten“ so ernst wie Peter Konwitschny bei seinem späten Debüt am …
Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette
Andreas Gabalier im Olystadion: Volks-Rock-Party vor vollem Haus
Er hat es wieder getan: Andreas Gabalier hat zum dritten Mal in Folge das ausverkaufte Olympiastadion gerockt. Lesen Sie hier unsere Konzertkritik vom Samstagabend.
Andreas Gabalier im Olystadion: Volks-Rock-Party vor vollem Haus
Tiefe Trauer um den „Guttei“
Nicht nur in der Gemeinde Neubeuern sitzt der Schock tief: Der Chorleiter und begeisterte Dirigent Enoch zu Guttenberg ist im Alter von 71 Jahren gestorben. Lesen Sie …
Tiefe Trauer um den „Guttei“

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.