Aktives Schweigen

- Es passiert, wenn man lange genug in die Sonne geschaut hat und die Augen schließt: Dann tanzen bunte Flecken - wer weiß schon um die Herkunft ihrer Farben -, und die Fantasie versucht, das eben Gesehene, vielleicht antike Ruinen, in dieses undefinierbare Hell-Dunkel hinein zu reproduzieren.

Der Amerikaner Cy Twombly kennt das gleißende Licht seiner Wahlheimat Italien seit mehr als 50 Jahren. Und obwohl eben dieses auch seine neuesten weißen Skulpturen zu reflektieren scheinen, entstand ihre Mehrzahl im beengten Atelier in Lexington, Virginia, und nicht in Gaeta, Latium, mit Meeresblick. So müssen sie ein Ausdruck der bunten Flecken hinter Cy Twomblys geschlossenen Augen sein und einer Fantasie, die das gesehene Vergangene verarbeitet. Eine sachlich staunende Schau in der Alten Pinakothek in München rückt nun rund 40 dieser aktuellen Arbeiten (1992-2005) als Europa- und zum Teil gar Welt-Premiere ins feierliche Tageslicht.

Zum zweiten Mal öffnet sich das neu belebte Klenze-Portal: Zum einen, um den Blick frei zu machen auf die Pinakothek der Moderne (wohin der Zeitgenosse Twombly eigentlich gehörte, genösse man ihn nicht auch im Tür-an-Tür-Dialog mit den Alten) und die Baustelle der Sammlung Brandhorst (die wesentlich auch für Twombly errichtet wird). Zum anderen, um genug Sonnenlicht für die nuancierten, oft verletzlich wirkenden - und durch vereinzelte neon-pinke Farbspritzer denn auch verletzten - Weiß-Variationen des Künstlers hereinzulassen, die hier in dünnem Pinselstrich die Johnny-Walker-Kiste durchscheinen lassen oder dort in dicken Farbtropfen zäh erstarren, und die sich in den beiden luftigen Sälen merklich wohler fühlen als in den engeren Kabinetten.

Wie Twomblys Malerei, so findet man auch viele seiner Skulptur-Collagen als moderne Stillleben: Die meisten harren friedlich, wenige bedrohlich, einige lieblich und eines wirkt gar kindlich auf ihren Holzkisten-Sockeln. Weiße Farbe und Gips haben Werkstatt-Reste zu Twombly-Fossilien gemacht. Holz, Draht, Nägel, Stoff, Schnüre, Papier, ungelenke Bleistift-Zitate, literarische wie mythische Bezüge überdauern als zarte vertikale Triebe, geheimnisvolle horizontale Sarkophage oder geometrische Säulenfragmente und Babel-Türme geduldig die Zeit.

Was in ihrer Mitte entsteht, ist nicht bloß der Eindruck einer passiven Stille, sondern der Ausdruck eines aktiven Schweigens. Twomblys Skulpturen sind lautlose Zeitzeugen - einer Kunst des in der Fantasie Gewachsenen, das in Teilen durchschaubar ist, als Ganzes jedoch unergründlich bleibt.

Bis 30. Juli. Di. 10-20 Uhr, Mi.-So. 10-17 Uhr Info: 089/ 23 80 52 16. Katalog: 39 Euro.

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