Akute Entscheidungsschwäche

- Der Tag nach der Wahl - was für ein Termin für einen Kabarettisten! Aber Bruno Jonas steht hier, auf der Bühne des Münchner Lustspielhauses, nun ausgerechnet einmal nicht, um "ad hoc" satirisch Stellung zu nehmen zu den aktuellen Ereignissen, sondern um aus seinem neuesten Buch zu lesen, "Kaum zu glauben - und doch nicht wahr". Doch da findet sich auch eine Passage über akute Entscheidungsschwächen beim täglichen Einkauf. Und auch wenn es sich konkret um verschiedene Fabrikate von Klopapier handelt - die Assoziation zur Bundestagswahl (und zu ihrem Ergebnis) liegt nahe, um sie kommt auch der Vertreter des Verlages nicht herum, der das Publikum zunächst kurz begrüßt.

Der Autor selbst verzichtet dann (abgesehen von einem ebenfalls bereits schriftlich fixierten Hieb gegen Edmund Stoiber und das Wahlverhalten der Bayern) auf allzu viel Extemporiertes, kann sich aber zu Beginn vorstellen, dass man das Wählen nun "zum Prinzip macht", dann aber "mit einem besseren Angebot". Dass Jonas gar nicht improvisieren muss, um auf der Höhe der Zeit zu sein, liegt an der verblüffenden Aktualität seines Buches, das, so wird suggeriert, mit ständiger musikalischer Untermalung durch Jonas' Münchner Nachbarn Andreas Rebers entstand. Deshalb hat Jonas den Freund und Kollegen an diesem Abend gleich mitgebracht, auf dass jener in die Tasten greife wie sonst daheim.

"Was in dieser Runde sonntäglich an Kleister angerührt wird, reicht aus, um einem ganzen Volk das Hirn zu verkleben."

Bruno Jonas über "Sabine Christiansen"

Eine im Großen und Ganzen fruchtbare "Zusammenarbeit", denn Jonas konstruiert auf dem Papier komplizierte Gedankengebäude rund um Glauben und Zweifel, Sein und Schein (fragt deshalb auch schon einmal fürsorglich: "Ham S' des?"), lässt seiner übersprudelnden Fantasie, seinen Assoziationen freien Lauf, nähert sich seinen Sujets oft mit der Akribie eines Wissenschaftlers. Und führt im Zusammenhang mit seiner "Kaufhemmung" wie selbstverständlich den Fachbegriff "kortikale Entlastung" ein.

Kaum ein Thema aus Politik oder Gesellschaft (samt seiner Spiegelung in den Medien), das Jonas nicht beackert. Und er macht es gründlich, fängt es gern philosophisch an, um - wie bei den Komplexen Arbeit, Demografie oder Geld - seine Spielereien plötzlich ad absurdum zu führen. Und die "Deutschland AG" wird jäh zur "Topimmobilie". Mit den Arbeitslosen als "erstklassigen Abschreibungsobjekten". Brillant - und beklemmend prophetisch - die Kapitel "Als ich als Sozi aufwachte" und "Schwindel", Szenen einer Deformation des Menschen durch die Macht.

Und doch ist dieses Buch eines Kabarettisten über weite Strecken eben "nur" das Manuskript eines Kabarettprogramms, das seine volle Wirkung erst entfaltet, wenn man es auf einer Bühne "aufgeführt" erlebt, mit Jonas selbst als diszipliniertem Interpreten. Zudem braucht der Autor bisweilen recht lang, bis er sich zur Pointe vorgearbeitet hat. Ob das wohl an Freund Rebers' unvollendeter Begleitmusik lag? Umso mehr freut man sich, wenn der 52-Jährige gebürtige Passauer Jonas immer wieder einmal ganz "privat" wird, aus seinem (Familien-)Leben erzählt, seine Wurzeln freilegt. Der berühmte Kabarettist als Mensch, mit Frau und Kindern. Kaum zu glauben, aber wahr.

Bruno Jonas: "Kaum zu glauben - und doch nicht wahr". Karl Blessing Verlag, München, 300 Seiten; 18 Euro.

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