Alarmstufe Rot

- Eine groß angelegte, staatstheaternde Rettungsaktion sollte es sein. Und dass Doris Dörrie jene Verweigerer, die Oper doof statt dufte finden, an die Hand nehmen will, um sie heim in die Hochkultur zu holen, ist ja prinzipiell in Ordnung. Dabei pflegt die Filmregisseurin nur zu gern mit ihrem Nichtwissen in Sachen Musiktheater zu kokettieren, um augenzwinkernd nach Kumpanen zu suchen: Oper, die mischen wir mal so richtig zeitgeistig auf.

Doch all die Vorab-Empörung über eine ahnungslose Kinofrau, die sich an hehrer Kunst vergreift, verpuffte während der ersten Premierenstunde. "Doris Dörrie sorgt für Opernskandal", trompetete der ARD-Videotext schon nächtens auf Tafel 508. Wenn es im Münchner Nationaltheater wenigstens zum Skandälchen gereicht hätte! Über sündteuer aufgehübschte Konvention kam dieser "Rigoletto" nie hinaus - belangloses Uralttheater, mit Science-Fiction-Ambiente nur getarnt; eine Verdi-Produktion, die in der Staatsopern-Bilanz als glatte Luftbuchung erscheint.<BR><BR>Wenigstens gab's für Genre-Fans genügend Futter. Rigoletto alias Astronaut Buck Rogers legt mit Tochter Gilda alias Prinzessin Leia auf dem Planeten der Affen einen Weltraum-Stopp ein. Die Primaten finden Gefallen an der blonden Rapunzel, und die kann sich ein Techtelmechtel mit dem behaarten Rudelführer gut vorstellen. Zusätzlich im Zitate-Angebot: das Laserschwert aus "Star Wars", ein bemüht erotischer Spider-Woman-Verschnitt, dazu Fassaden von Opernhäusern wie Sidney und der Met (drohen dort Einsätze der Regisseurin?). Und allerlei Louis-Vuitton-Kram inklusive großer, hängender "SP"-Embleme, mit denen Intendant Sir Peter eine Hommage von äußerst zweifelhafter Eitelkeit gegönnt wird.<BR><BR>Was bringt das alles, über die Beschäftigung der hauseigenen Werkstätten hinaus? Nichts. Zumal Doris Dörrie mit ihrer Science-Fiction-Verliebtheit am Gehalt des Stücks  vorbeizielt. Rigoletto gerät mitnichten von außen in eine grausame Hofgesellschaft hinein, er ist in Wahrheit Teil von ihr, erfüllt eine genau bestimmte Funktion, an der er leidet und die er als gedulteter, zynischer Günstling auch bedient. Der zentrale Konflikt der Oper kreist also um Macht und Opportunismus, um Korruption und, auch wenn das manche flippig als moralinsauer geißeln, um die Unmöglichkeit von bedingungsloser Liebe.<BR><BR>Entschärftes Einerlei im Orchestergraben <P>Nicht nur, dass dies Dörrie entgeht, sie beherrscht nicht einmal das Handwerk, um Oper zu erzählen. Die eigentliche Front verläuft demnach nicht, wie Dörrie behauptet, zwischen "verstaubter" und heutiger Kunst, sondern, wie sie ungewollt demonstriert, zwischen Können und Nichtkönnen. Wer kein darstellerisches Naturtalent ist wie Diana Damrau (Gilda), der flüchtet sich in Klischees. Ensemble-Nummern überließ Dörrie ohnehin Beate Vollack, deren "Bewegungsregie" von der (Ballett-)Stange mittlerweile unvermeidlicher Bestandteil jeder Staatsopern-Premiere ist.<BR><BR>Wie überflüssig das alles ist, zeigt sich in Momenten echter, berührender Wahrheit, für die's kein Affentheater braucht: wenn Diana Damrau das "Caro nome" mit lyrischer Süße überzuckert, sich mit jungmädchenhaftem Zauber und dezenter, finessenreich eingesetzter Technik nicht nur hier zur Lichtgestalt des verpatzten Abends aufschwingt. Tenorstar Ramó´n Vargas, eigentlich als Herzog vorgesehen, hatte in der Hauptprobe entnervt hingeschmissen, Tito Beltrá´n nutzte die Gunst der Stunde. Seine eng kanalisierte, leicht gequetschte Stimme mag Geschmacksache sein. Doch fehlende Geschmeidigkeit ersetzte er durch beherztes, ungefährdetes Auftrumpfen: mehr als ein Achtungserfolg.<BR><BR>Heftiger Ablehnung musste sich Debütant Mark Delavan in der Titelrolle stellen. Zum unschlüssigen Spiel kam eine vokale Leistung, die dringend nach einem Gesangslehrer verlangte. Delavans Timbre ist im Grunde von vollmundiger, viriler Attraktivität. Doch kippt die Stimme immer wieder in den Hals, geschätzte 60 Prozent der Partie blieben knapp unterhalb der korrekten Tonhöhe. Staatsopern-angemessen dagegen die präzisen Chöre und die Nebenrollen, vor allem Anatoli Kotscherga (Sparafucile) und Mikhail Petrenko (Monterone).<BR><BR>Vom dürftigen Bühnentreiben wurde wohl Zubin Mehta bei seinem ersten (!) "Rigoletto" angesteckt. Manches wirkte wie leidlich geprobtes Repertoire, anderes wie buchstabiert. Der GMD verließ sich auf den sämigen Klang des Staatsorchesters, entschärfte, wo profilierte Rhythmik notwendig gewesen wäre, opferte den zugespitzten, kontrastreichen Gestus von Verdis Frühwerk einem dramatikarmen Einerlei.<BR><BR>Wie erwartet Missfallensbekundungen für Doris Dörrie: Zweimal hatte sie in Berlin vergeblich geübt ("Così` fan tutte" als dünne Hasch-und-Hippie-Story, eine zugemüllte "Turandot"), das hätte in München Alarmstufe Rot auslösen müssen. Zum Misserfolg gehören aber zwei Vertragspartner. Der Buh-Orkan trifft also, mit Recht, auch die Opernleitung.<BR><BR></P>

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