Alarmstufe Rot bei den Konzertsaal-Fans

München - Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) legt ein hohes Tempo vor. In zehn Jahren, so glaubt er, kann in München ein neuer Konzertsaal eröffnet werden. Doch beim Koalitionspartner CSU regt sich nun Widerstand: Es gebe wirklich vordringlichere Projekte, heißt es dort.

Ist die CSU-Landtagsfraktion für oder gegen den neuen Saal? So genau und offiziell mag man sich da in der Partei nicht festlegen. Als sich Georg Winter, Vorsitzender des Haushaltsausschusses, in dieser Woche vor der Fraktion allerdings skeptisch äußerte, gab es wohl demonstrativen Beifall. Bei den Saal-Befürwortern dürfte das Alarmstufe Rot ausgelöst haben.

Er könne und wolle nicht beurteilen, ob ein solcher Saal akustisch notwendig sei und wo er gebaut werden müsse, sagte Georg Winter auf Anfrage unserer Zeitung. Es gebe indes eine „Vielzahl von Herausforderungen“, die für die Stadt München finanziert werden müssten. Winter nannte in diesem Zusammenhang die zweite S-Bahn-Stammstrecke, das Olympiagesetz, auch die Sanierung des Gärtnerplatztheaters, für die er sich persönlich eingesetzt habe. „Es geht nicht alles auf einmal. Wir müssen zunächst Bestehendes auf den aktuellen Stand bringen.“ Auf seinen Antrag hin wird sich nun die CSU-Landtagsfraktion in der übernächsten Woche mit dem Thema Konzertsaal beschäftigen. Prognosen mag Winter keine abgeben: Er könne schwer einschätzen, wie viel Unterstützung Wolfgang Heubischs Idee genieße.

Tatsache ist jedoch, dass sich außerhalb Münchens Unmut regt über das geplante Projekt für die Landeshauptstadt. Ob sie die zig Millionen Euro Staatsgeld für einen solchen Bau in den eigenen Wahlkreisen erklären können, das bezweifeln viele Abgeordnete. Zumal dort oft kulturelle Einrichtungen angesiedelt sind, die selbst dringend eine Sanierung oder eine Finanzspritze brauchen.

Was noch eine Rolle spielt: Der Konzertsaal wird immer mehr als „Baby“ von FDP-Kunstminister Wolfgang Heubisch wahrgenommen - beim größeren Koalitionspartner verursacht so etwas naturgemäß Magengrimmen. Zumal, wie hinter vorgehaltener Hand gelästert wird, Heubisch deshalb aufs Tempo drücke, weil die Landesregierung nach der nächsten Wahl womöglich ohne die FDP auskommen könne. Heubisch selbst hat allerdings in diesen Tagen betont, dass die Urheberschaft für die ganze Diskussion woanders liege. „Ich darf auch daran erinnern, dass es Horst Seehofer (CSU) gewesen ist, der die Debatte mit dem Marstall-Vorschlag überhaupt erst wieder angestoßen hat“, sagte der Kunstminister im Interview mit der „Welt“. Doch von Seehofer ward in den vergangenen Monaten nichts mehr gehört: Eine Bekräftigung oder Konkretisierung der einstigen starken Worte („Ich möchte dieses Projekt“) steht weiterhin aus.

Wesentlich offensiver geht manch anderes CSU-Mitglied vor. „München kann durchaus zwei große Konzertsäle vertragen“, sagt Ursula Sabathil, Münchens Koreferentin für Kultur mit Sitz im Philharmonischen Rat. „Wir benötigen eine Stadtspitze, die gemeinsam mit dem Freistaat alles unternimmt, um dieses Projekt zu fördern und natürlich Sponsorengelder anzuwerben.“ Ursula Sabathil kann sich nur wundern über die abwartende Haltung der Stadt und des Orchesters. „Oberbürgermeister Christian Ude, Kulturreferent Hans-Georg Küppers sowie Philharmoniker-Intendant Paul Müller müssen sich in diese Diskussion einschalten. Vor allem vom Intendanten würde ich mir eindeutige Aussagen wünschen.“

Nach wie vor konkurrieren zwei Modelle miteinander: ein neuer Konzertsaal neben den bisherigen Institutionen. Oder die gemeinsame Nutzung einer akustisch optimierten Philharmonie durch Münchner Philharmoniker, BR-Symphonieorchester und private Veranstalter unter Einbeziehung des Herkulessaals für kleiner besetzte Werke und des Carl-Orff-Saals für Proben (siehe Interview unten).

Dass die Philharmonie ohne akustische Verbesserung auskommt, glaubt kaum jemand. Lorin Maazel hatte dies im Interview mit unserer Zeitung behauptet und gesagt, eine veränderte Orchesteraufstellung oder ein Reagieren des Dirigenten auf die Akustik reiche aus. „Es hängt nicht vom Dirigenten ab, ob die Akustik gut oder schlecht ist, sondern vom Saal“, widerspricht Ursula Sabathil. „Ich kenne kaum jemanden, der etwas von Musik versteht und der Maazels Meinung teilt.“

Markus Thiel

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