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Eine der seltenen Aufnahmen von Albertine Sarrazin. „Sie war zierlich und hübsch, gerüstet mit dem kritischen Geist einer Heiligen Johanna vor Gericht“, schreibt die Musikerin, Autorin und Fotografin Patti Smith über die Schriftstellerin, die nur 29 Jahre alt wurde. Sarrazins Roman-Debüt „Astragalus“ ist nun in neuer Übersetzung erschienen

Neuerscheinung

"Astragalus": Wiederentdeckung eines Feuerwerks

München - Der Literaturbetrieb hat den Begriff „Sensation“ rasch parat. Daher scheut man sich, „Astragalus“ von Albertine Sarrazin so zu nennen. Dieser ungewöhnliche Roman aus dem Jahr 1965 lässt den Leser kaum mehr los und liegt nun erneut auf Deutsch vor.

Zehn Meter trennen sie von der Freiheit – Anne springt. Es soll ihr Sprung in ein selbstbestimmtes Leben werden, von der Mauer jenes Gefängnisses, in dem die 19-Jährige wegen eines bewaffneten Raubüberfalls sieben Jahre absitzen muss. „Ich bin geflogen, geschwebt und gekreiselt, eine Sekunde, die lang war und gut, ein Jahrhundert. Und jetzt sitze ich hier, befreit von da oben, befreit von euch“, freut sich Anne beim Gedanken an den Knast und die Mitgefangenen, die dort gerade schlafen. Doch in welche Freiheit ist die junge Frau gesprungen? Beim Sturz hat sie sich das Sprungbein gebrochen, den „Astragalus“, der diesem Roman seinen Namen gibt.

Anne hat Glück: Julien, ein Kleinkrimineller, kommt zufällig vorbei, packt sie auf sein Motorrad, versteckt sie. „Ein neues Zeitalter beginnt.“ Anne verliebt sich in diesen Gauner, der sich rührend kümmert und dem sie doch ausgeliefert ist. Rasch wird klar: Sie ist in eine andere Art der Gefangenschaft gesprungen. Von Versteck zu Versteck wird Anne geschleppt, die ständig Angst haben muss, die Unbekannten, bei denen Julien sie unterbringt, könnten sie verraten. Doch eine Wahl hat sie nicht, sie muss dieses Herumgereichtwerden ertragen.

Von Unruhe, Panik, Hoffnung und Wut lässt Albertine Sarrazin ihre Hauptfigur in diesem erstaunlichen Buch erzählen. Das istspannend, ungeschönt und doch poetisch. Anne ist sauer über ihre Hilflosigkeit, mürbe vom Warten und zugleich doch glücklich, in Julien die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben. Erzählt wird die schier unglaubliche Geschichte einer Flucht und einer zufälligen Begegnung am Straßenrand. Es ist auch die Geschichte der Autorin.

"Astragalus": Grundlage des Romans sind eigene Erinnerungen

Albertine Sarrazin war zuletzt vom Literaturbetrieb vergessen. Im Jahr 1937 wurde sie als Anne-Marie Albertine Damien in Algier geboren und von den Eltern zur Adoption freigegeben: Sie wuchs in einem bürgerlichen Elternhaus auf. Doch im Alter von zehn Jahren wurde sie von einem Mitglied der Familie ihres Adoptivvaters vergewaltigt. Als sie abhauen will, kommt sie in eine Besserungsanstalt. Sie wird gedemütigt, ihr wird ihr Taufname Anne-Marie entzogen. Das Mädchen flieht in eine Zeit der Auflehnung, der Schreibversuche, des Herumtreibens, der Gaunereien, der Prostitution. Als sie sieben Jahre Jugendknast absitzen muss, gelingt ihr mit einem Sprung von der Gefängnismauer die Flucht. Sie bricht sich den Knöchel, wird an der Straße zufällig von Julien Sarrazin aufgelesen. Die beiden verlieben sich, heiraten später. Doch immer wieder wird das Paar zu Haftstrafen verurteilt – etwa wegen Diebstählen. Auf Grundlage ihrer Erinnerungen an die Zeit im Knast schreibt Albertine Sarrazin ihren ersten Roman „Astragalus“. Simone de Beauvoir sorgt 1965 dafür, dass er bekannt wird, ein Jahr später erscheint eine erste deutsche Übersetzung. Bereits 1967 stirbt Sarrazin an den Folgen einer OP – da ist sie gerade mal 29 Jahre alt.

Die deutschen Literatur-Nobelpreisträger

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Mit einem „Feuerwerk“ vergleicht Elisabeth Ruge dieses Ausnahmetalent. Die Leiterin des Verlags Hanser Berlin, wo „Astragalus“ nun neu aufgelegt wurde, erklärt: „Kurz und intensiv“ sei das literarische Schaffen der Französin gewesen – „Wumms“ sei sie wieder weg gewesen. Auf der Buchmesse in London hat Ruge, die Sarrazin bis dahin nicht kannte, zum ersten Mal von „Astragalus“ gehört. Die Verlagschefin und ihre Lektorin Julia Graf hätten bei der Lektüre „schnell das Gefühl gehabt, dass das Buch wichtig ist“, dass es also – im Gegensatz zu vielen anderen Wiederveröffentlichungen – über den zeithistorischen Kontext hinausweist.

Das liegt auch an der Sprache: Sarrazin schreibt eine packende Mischung aus Argot, dem derben Knastjargon, und Hochsprache. Lapidare Härte trifft Poesie. Über eine „mögliche, eventuell nötige Modernisierung“ des Textes habe sie bald nicht mehr nachgedacht, berichtet Übersetzerin Claudia Steinitz: „Der Originaltext ist so frisch, so gegenwärtig, dass ich mich ihm unbesorgt anvertrauen konnte.“ Zu Recht. Und während in den Sechzigern Simone de Beauvoir für „Astragalus“ schwärmte, hat zur deutschen Wiederveröffentlichung Patti Smith ein ungewöhlich intimes Nachwort geschrieben, in dem die Künstlerin der Frage nachgeht, ob sie ohne Albertine Sarrazin „die geworden wäre, die ich bin“.

Die ersten 8000 Exemplare des Romans sind verkauft, nun erscheint die zweite Auflage. Elisabeth Ruge will in den nächsten Wochen entscheiden, ob ihr Verlag als nächstes einen der Sarrazin-Romane „La Cavale“ oder „La Traversière“ herausbringt – oder einen Band mit Briefen, die Albertine Sarrazin ihrem Lebensmenschen Julien geschrieben hat. So oder so – wir Leser dürfen uns freuen.

Albertine Sarrazin: „Astragalus“. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Hanser Berlin, 240 Seiten; 19,90 Euro.

Von Michael Schleicher

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