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Drei Lulus, gefangen – oder geschützt? – in Ballons: Anna Drexler, Isolda Dychauk und Ariane Labed mit Maik Solbach (Eduard Schwarz).

„Lulu“-Premiere bei den Salzburger Festspielen

Albträume im La-Le-Lulu-Land

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Die griechische Filmemacherin Athina Rachel Tsangari hat zum ersten Mal am Theater gearbeitet und für die Salzburger Festspiele in Hallein Frank Wedekinds „Lulu“ inszeniert. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik: 

Hallein – Der Himmel hängt voller Kugeln. Große und noch größere Luftballons, deren perfekte Rundungen ein Ideal beschreiben, das die Männer unten auf der Bühne derart vollendet von der Frau erwarten. Wie Lulu sind diese grauen Monde Projektionsflächen. Vor allem aber sind sie ähnlich fragil wie die Seifenblasen, die Schigolch seiner Ziehtochter einmal ins Gesicht blasen wird. Jede einzelne ein Glücksversprechen, zerplatzend.

Es ist ein so ästhetisch eindrucksvolles wie vielschichtiges Bühnenbild, das Florian Lösche für diese letzte Schauspielpremiere des Salzburger Festspielsommers auf die Perner-Insel in Hallein gebaut hat. Athina Rachel Tsangari hat „Lulu“ inszeniert, Frank Wedekinds (1864-1918) „Monstretragödie“ in der Urfassung von 1894. Es ist die erste Theaterarbeit der griechischen Filmregisseurin, die bei uns vor allem durch die anrührend-schräge Tragikomödie „Attenberg“ (2010) bekannt wurde. Ihr und ihrem wunderbaren Ensemble ist ein atmosphärisch dichter, stringent erzählter und eindrucksvoll gespielter Abend gelungen, der bei der Premiere am Donnerstag jedoch auch zahlreiche heftige Buhs kassierte. Zu Unrecht.

Das Bühnenbild führt ein Eigenleben wie Lulu

Der Himmel über der Bühne führt ein Eigenleben wie Lulu. Immer wieder heben und senken sich die Ballons, schaffen Räume, schneiden den Figuren den Weg ab oder bieten ihnen Schutz. Zwischen den Akten schwebt dieser Kugelteppich wie ein Vorhang herab. Tsangari projiziert darauf dann gerne überlebensgroß die Augen ihrer Hauptdarstellerinnen: Lulu, die von den Männern begehrt, begafft wird, wehrt sich zumindest hier – und glotzt zurück, unbarmherzig. Die Ballons sind zudem so aufgehängt, dass sie sich nicht berühren, sondern nebeneinanderher existieren wie die Menschen. Stoßen zwei dennoch einmal aneinander, stürzt das ganze System ins Chaos.

Spielzeug für Männer: Lulu (Ariane Labed, Isolda Dychauk, Anna Drexler, v. li.) mit Doktor Schöning (Steven Scharf) und Sohn Alwa (Christian Friedel, re.).

Nichts anderes geschieht in der Inszenierung. Tsangari erzählt den Weg von Lulus Erhebung aus einem animalischen Urzustand über ihre Bewusstwerdung bis zu ihrem gewaltsamen Tod. Das La-Le-Lulu-Land, durch das die Regisseurin in diesen zwei soghaften Theaterstunden führt, hat nichts Verspieltes. Vielmehr ist es ein Albtraum-Areal aus Begehren und Beherrschen, Erotik und Erniedrigung, Mauschelei und Mord. Jeder Witz ist bitter, Lachen klingt verzerrt, Slapstick endet im Selbstmord.

Unter den Ballons bleibt die Spielfläche leer, Scheinwerfer an den Rändern leuchten sie mitunter unbarmherzig aus. In dieser Welt können Menschen aus dem Boden herauffahren oder, häufiger, darin verschwinden. Wie Alice in den Kaninchenbau stürzen sie dann in die tiefsten Tiefen. Doch statt im Wunderland tauchen sie auf der Abraumhalde des Menschseins auf, sind Opfer und Täter zugleich.

Diese Dualität ist die große Stärke der Inszenierung. Die Regisseurin verweigert eine klare Positionierung. Ihre Lulu oszilliert zwischen Schuld und Unschuld. Was muss sie anderen antun, um sich selbst treu bleiben zu können? Auch, um diese Uneindeutigkeit deutlich zu machen, hat Tsangari die Titelrolle mit drei Schauspielerinnen besetzt. Anna Drexler, die mit der neuen Spielzeit von den Münchner Kammerspielen ans Residenztheater wechselt, Isolda Dychauk und Ariane Labed, Hauptdarstellerin aus „Attenberg“, gelingt Eindrucksvolles: Gemeinsam gestalten sie die vielen Facetten einer Figur und bleiben doch individuell unterscheidbar.

In einem der stärksten Momente steckt jede Lulu-Darstellerin in einem Riesenballon. Gefangen sind sie darin, ausgeliefert den Blicken der Männer, ein echter Spielball für den Maler Schwarz, der sie umherkugelt – aber eben auch: geschützt wie ein Embryo, unantastbar für die Umwelt. Am Ende des Abends löst Tsangari das Trio das erste, einzige Mal auf: Dychauk zieht Labed das Kostüm von Jack an und bringt sie/ihn auf den Weg zu ihrem/seinem Opfer. Doch wird sie/er Lulu (Drexler) nicht die Kehle durchschneiden, sondern ihr (und damit sich) gleich einem Vampir in einer Mischung aus Liebesspiel und Todesringen das Leben aussaugen.

Auf der Bühne: ein hochkarätiges Ensemble 

Die drei Schauspielerinnen fügen sich perfekt ein in das hochkarätige Ensemble: angeführt von Rainer Bock, der Lulus Ziehvater Schigolch zwischen Fürsorge und Verbrechen schillern lässt. Dann ist da Steven Scharf als Dr. Schöning, der allein mit seiner Stimme mehr über eine Figur zu erzählen vermag als andere mit ganzem Körpereinsatz. Christian Friedel gibt Schönings Sohn Alwa eine herrliche Penetranz, bei der die Weinerlichkeit bereits ums Eck lugt. Benny Claessens gehört eine der seltenen Szenen unbeschwerter Komik, als sein Rodrigo vorführt, wie sich Männer auf der Balz zum Hirschen machen. Fritzi Haberlandt schließlich zeigt die lesbische Gräfin von Geschwitz als bis zum Schluss aufrichtig Liebende. So grundehrlich ist ihr Begehren, dass sie als Einzige darüber alt, grau und gram wird. Athina Rachel Tsangari, die selbst kein Deutsch spricht, vertraut ihren Schauspielern – ein Glück. Doch dieses Vertrauen hätte sie auch uneingeschränkt in Wedekinds Vorlage und ihre Ideen haben dürfen. Will man an ihrer Inszenierung etwas kritisieren, ist es das fast durchgängige Abspielen der Tonspur. Statt zu verstärken, stören Musik- und Geräuschkulisse oft nur. Hier ist die Sozialisierung der Regisseurin beim Film zu hören, doch die Bühne (und auch das Kino) braucht keine Klanggebilde, wenn die Bilder stark genug sind. Und das sind sie.

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