Ein Album des 20. Jahrhunderts

- "Über Fotografie gibt es nichts zu sagen, man muss hinsehen." Mit seiner Leica hielt Henri Cartier-Bresson Momente fest, in denen etwas im Umbruch ist, in denen etwas sichtbar wird - in denen der vermeintliche Schnappschuss zum Kunstwerk wird. Die Befreiung von Paris, 1944, die Ermordung Mahathma Gandhis, die ersten Monate der Volksrepublik China und die Unabhängigkeit Indonesiens: Der französische Fotograf war dort, wo es etwas zu sehen gab, und hatte die Fähigkeit, es zu erkennen. Seine Fotos bilden ein Album des 20. Jahrhunderts, gesehen durch die Augen eines sensiblen Künstlers.

<P>Cartier-Bresson kommt es auf die Menschen und ihre Geschichten an, er selbst rückt sich in den Hintergrund, nennt sich schlicht HCB. Morgen wird er 95 Jahre alt. Zu seinem Geburtstag ehrt ihn die Pariser Bibliothè`que Nationale mit einer großen Retrospektive. Die Fondation Henri Cartier-Bresson hat einen wunderbaren Begleitband mit 602 Schwarz-Weiß-Fotos aus vier Jahrzehnten herausgegeben. Viele der Bilder sind weltbekannt, gehören zu den Klassikern der weltbesten Foto-Agentur Magnum, die HCB 1947 mit Robert Capa, David Seymour und Georges Rodger gründete.</P><P>Cartier-Bressons Bilder sind von einem schwarzen Rahmen umgeben, der dem Moment Bedeutung verleiht, indem er ihn aus der Masse der Eindrücke löst. Der Rahmen zeigt aber auch, dass HCB stets das ganze Negativ entwickelte, also keine Ausschnitte vergrößerte: Die Bildkomposition war perfekt im Augenblick des Auslösens. Fast wie Gemälde wirken die harmonisch aufgebauten und strukturierten Aufnahmen, was vielleicht auf sein Malerei-Studium bei André´ Lothe 1927-29 zurückzuführen ist. So muten die drei Männer, die 1962 vor der Berliner Mauer auf einem Kasten stehen und hinüberblicken, wie ein Standbild an - die zufällige Situation wird zum Sinnbild einer Epoche, zum Zeitdokument. HCB selbst bezeichnet den fotografischen Schuss als "beschleunigte Zeichnung".</P><P>Sein Aufsatz "L'instant dé´cisif" ("Der entscheidende Augenblick") wurde zum Lehrtext einer ganzen Generation von Fotografen: Der entscheidende Augenblick, das heißt für Cartier-Bresson "im Bruchteil einer Sekunde gleichzeitig die Bedeutung eines Ereignisses und dessen formalen Aufbau erfassen, durch den es erst seinen Ausdruck erhält".</P><P>Nur einmal hat Henri Cartier-Bresson sich selbst fotografiert: 1933 auf einer Mauer neben einer italienischen Landstraße. Er liegt auf dem Rücken und fotografiert seinen Körper, unten ragt sein nackter Fuß hervor, sein Gesicht bleibt hinter dem Sucher unsichtbar. Das "Portrait eines Vagabunden" sieht Jean-Noë¨l Jeanneney, der Direktor der französischen Nationalbibliothek, in diesem Bild: "Die siebzig Jahre, die seither verflossen sind, haben das Bild zu einer Art Manifest werden lassen. Die Fotografie ist die Kunst, auf Distanz zu gehen, die man in Kilometern misst, aber auch als Distanz zu sich selbst, die aus dem Humor und manchmal auch aus der Selbstironie entspringt."</P><P>"Wer sind Sie, Henri Cartier-Bresson? Das Lebenswerk in 602 Bildern". Schirmer/Mosel Verlag, München, 432 Seiten, 78 Euro.</P>

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