Der Alchimist

- Er ist der Alchimist unter den Malern. Sigmar Polke spielt gern mit Materialien herum, panscht, manscht - und beobachtet, was passiert. Dabei können ihm die Chemikalien schon mal um die Ohren fliegen. Reaktion und Gegenreaktion, gezieltes Ausprobieren und überraschendes Ergebnis, Kontrolle und Chaos kombiniert der Kölner, der 1941 im schlesischen Oels geboren wurde, auch in seinen "Editionen". Sie entstanden seit 1963. Einen Überblick über dieses Oeuvre von rund 170 Nummern gibt jetzt in München eine ansehnliche Ausstellung im Foyer der Versicherungskammer Bayern.

<P>Polkes typische Rasterpunkte finden sich hier beim ganz banalen Sieb- oder Offsetdruck genauso wie hingeschlenzte Farbflüssigkeit, von Substanzen zerfressene Fotos, Dekostoffe und -muster, Schablonen-Figürchen oder nur in Linien über einen vielschichtigen Grund gelegte Szenen. Dieses Verfahren korrespondiert mit dem malerischen Werk, sodass die "Editionen"-Schau (aus der Sammlung Ciesielski) einen markanten Eindruck von seinem Schaffen und vor allem von seiner Arbeitsweise gibt.<BR><BR>Auf den Punkt gebracht</P><P>Die "Freundinnen" von 1967 in schwarz-weißen Rasterpunkten - inspiriert von Printmedien - sind noch ganz der Pop-Art verhaftet. Im Lauf der Jahrzehnte hat sich Polke diese "Matrix" so einverleibt, dass er damit schließlich in legerer Fröhlichkeit und Unabhängigkeit umgehen kann. Damit kennzeichnet er - ganz praktisch - auch das visuelle Fremdmaterial aus Zeitschriften oder Büchern, das er in seine Arbeiten integriert. So werden 1998 bei "Hallucie" die Punkte so vergrößert, dass sie als unregelmäßige Flecken erkennbar werden, in deren Leerstellen man Knubbelnasen und Hasenschnäuzchen kritzeln kann. In dieser luftigen Maserung steht feiner und blau umrandet eine Art Schutzmantelmadonna, die eine Frau in Rosa beschützt. Bei "Preisvergleich" von 2001 schwebt vor einem wild, spritzend und mit individueller Handschrift gemalten Hintergrund ein Felsvorsprung mit Paar: Dieser Bildkomplex ist gepunktet, also vorgefertigt. Die Personen schauen auf den Farbwirbel wie auf einen Wasserfall. <BR><BR>Als Alchimist, der mit allem experimentiert, alles irgendwie vermischt, greift Sigmar Polke auch jedes Thema auf. Die schemenhafte Menschenmenge vor den Hofgarten-Arkaden mit der bröckelnden Ausstellungsankündigung "Entartete Kunst" mahnt unaufdringlich. Eine Serie von chemisch "gestörten" Fotografien dokumentiert Kölner Bettler. Ungegenständliches, in dem Fall Ausschnitte aus heftigen Malbewegungen, ist auf transparente Folie gedruckt und kann beidseitig betrachtet werden. Ein Fakir lässt sich hingegen kaum sehen, weil sein Bildnis farblos ins Papier geprägt ist. Dafür wurde für den mit buntem Glitter verzierten Pinguin aus eben diesem Papier extra ein Kreis herausgeschnitten. <BR><BR>Polke ist aber nicht einer, der Stofflichkeiten und Motive einfach so mit dem großen optischen Besen zusammenkehrt. Auch wenn er keinem Witz abhold ist - die "Umwandlung" vom Bergmassiv in eine Kugel ist natürlich fotografisch "dokumentiert" -, auch wenn er vor keiner Mixtur zurückschreckt, zeigen Gemälde und "Editionen" Polkes intensives Nachdenken über Kunstgeschichte von der Antike bis Warhol und Bildmedien von frühester Grafik bis zu Cartoons. Deswegen gibt es bei den Drucken eine altägyptische "Aurora" und auf den Gemälden in der Pinakothek der Moderne Riesenkringel, die von Dürer ausgeliehen sind.</P><P>Bis 15. Mai, werktags 9-10 Uhr, am Wochenende 10-15 Uhr, Eintritt frei; Maximilianstraße 53.</P>

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