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Archiv des Schreckens: Zur Vorbereitung des ersten Auschwitzprozesses 1963 forscht der junge Staatsanwalt Johann Radmann (Alexander Fehling) nach den Namen der Täter.

Interview

"Die Oscar-Nominierung war ein wichtiger Schub"

Berlin - Alexander Fehling über seine Rolle in „Im Labyrinth des Schweigens“, den deutschen Kandidaten bei den Oscars.

Erneut könnte – nach „Das Leben der Anderen“ 2007 – ein historisch-politischer Film aus Deutschland an der Spitze stehen, wenn am 28. Februar der Oscar für die beste nicht-englischsprachige Produktion vergeben wird. Die Deutschen schicken „Im Labyrinth des Schweigens“ in den Wettbewerb um die begehrteste Filmtrophäe der Welt. Der Film erzählt davon, wie Anfang der Sechzigerjahre ein junger Staatsanwalt alles dafür tat, um 1963 in Frankfurt am Main mit dem ersten Auschwitzprozess beginnen zu können. Für Hauptdarsteller Alexander Fehling nimmt „Im Labyrinth des Schweigens“ einen besonderen Platz in seiner Vita ein. Wir trafen den 34-jährigen Berliner zum Gespräch.

Hollywood rückt in greifbare Nähe, am 14. Januar steht fest, ob „Im Labyrinth des Schweigens“ in die Endrunde bei den Oscars kommt. Was bedeutet es Ihnen, dass gerade diese Produktion im Rennen um den wichtigsten Filmpreis der Welt ist?

Freude natürlich. Wie sich jeder darüber freuen würde. Der Film ist nach der Uraufführung beim Festival von Toronto oft auf Reisen gewesen, er wurde in vielen Ländern gezeigt, in einigen davon war ich auch. Mit 350 000 Zuschauern – 100 000 mehr als in Deutschland – war er in Frankreich einer der erfolgreichsten deutschen Filme in den vergangenen zehn Jahren. Und jetzt läuft er auch noch in den USA an. Dass er durch die Auswahl für die Oscar-Nominierung noch einmal so einen Schub bekommt, dass ihn dadurch noch mehr Menschen zu sehen bekommen, finde ich sehr schön.

Das Thema Auschwitz war Ihnen ja nicht fremd; schon 2007 spielten Sie in „Am Ende kommen Touristen“ die Hauptrolle, einen heute in Auschwitz arbeitenden Zivildienstleistenden. Wie war Ihre erste Reaktion auf das Angebot, den Staatsanwalt Johann Radmann zu spielen?

Ich fand bemerkenswert, dass das Drehbuch auffallend gut geschrieben war. Ehrlich gesagt, ich wusste kaum etwas über diese Zeit, den Beginn der Sechzigerjahre, und über die Frankfurter Auschwitzprozesse. Dann überlegte ich mir, wie man so eine Figur wie diesen Staatsanwalt schauspielerisch überhaupt erzählen kann. Der ist ja zu Anfang so etwas von unbedarft, dass ich es gar nicht glauben konnte.

Ist Radmann ein Held?

In der Filmterminologie kann man ihn vielleicht so bezeichnen, weil wir quasi mit seinen Augen durch diese Geschichte geführt werden. Dennoch ist er kein Held. Denn er ist kein Gewinner, den man in seinen Stärken kennenlernt, sondern man erlebt ihn in seinen Schwächen. Natürlich macht er eine Entwicklung durch, und es gibt eine Katharsis. Aber ein Held, würde ich sagen, ist er nicht.

Zum Zeitpunkt der Handlung waren Sie noch nicht geboren. Ist „Im Labyrinth des Schweigens“ für Sie ein historischer Film oder mehr ein gegenwärtiger?

Na klar, es ist ein historischer Film. Wir mussten eine andere Zeit zum Leben erwecken – allerdings mit einem aber doch sehr gegenwärtigen Thema.

Wie haben Sie sich in diese Rolle eingearbeitet – historisch, juristisch?

Es gab schon viel zu tun. Wie sah Deutschland in dieser Zeit aus, und wo stand es? Ich musste mich mit der Biografie Fritz Bauers auseinandersetzen (Bauer war von 1956 bis zu seinem Tod 1968 hessischer Generalstaatsanwalt; Anm. d. Red.). Meine Rolle des jungen Staatsanwalts ist ja fiktiv, sie speist sich aus den drei Staatsanwälten, die es damals tatsächlich gab. Einer von ihnen, Gerhard Wiese, lebt noch. Mit dem habe ich mich viel unterhalten, ich konnte ihm jede noch so blöde und naive Frage stellen. Das war sehr hilfreich. Wir haben auch mit dem Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt zusammengearbeitet. Aber Wissen kann man nicht spielen. Sich Wissen aneignen – das sind die Hausaufgaben, die man als Schauspieler zu erbringen hat. Bei den Auschwitzprozessen durfte nicht gefilmt werden. Aber es gibt Audio-Mitschnitte. Die hatte mir das Bauer-Institut zur Verfügung gestellt, und ich hörte sie mir an, andauernd, morgens und abends, rauf und runter. Man sucht ja einen lebendigen Eindruck von dem zu bekommen, was einem fremd ist. Das Schlimme ist, dass man sich an die beschriebenen Gräueltaten, die bei diesem Prozess notgedrungen von den Opfern zur Sprache kamen, allmählich gewöhnte. So erging es damals den Staatsanwälten, die über mehrere Jahre tagtäglich damit konfrontiert waren. Mittlerweile sind diese Audio-Mitschnitte jedermann zugänglich und über die Internetseite des Fritz-Bauer-Instituts abrufbar.

Der Film wurde auch in Israel gezeigt. Gab es da für Sie besondere persönliche Erlebnisse?

Ich habe das als besonders emotional empfunden. Ich glaube, dass es den Zuschauern ebenso erging, wenn wir nach der Filmvorführung miteinander ins Gespräch kamen. In ihren Gesichtern, in ihren Augen konnte ich sehen, dass es für sie durchaus von Bedeutung war, dass ein paar junge Deutsche das Thema der Auschwitzprozesse ins Kino brachten. Es kamen auch immer wieder Menschen zu mir und fragten: „Kann ich Sie einmal umarmen?“

Als Sie sich im Vorfeld mit dieser Rolle beschäftigt haben, geriet da der Inhalt dieses Films auch privat bei Ihnen zu Hause zu einem Thema – bei Eltern und vielleicht auch Großeltern?

Ja, das war ein Thema in meiner Familie. Über den Prozess haben wir weniger gesprochen; mehr über die Stimmung nach dem Krieg. Aber meine Großeltern haben auch erzählt, dass sie durch die Medien viel von dem Prozess mitbekommen hätten und dass sich ihr Bild vom eigenen Land geändert habe. Ich spürte, wie sehr sie erpicht darauf waren, mir davon zu erzählen.

Sie sind bis zur Wende 1989 in der DDR, in Ost-Berlin aufgewachsen. Spielte dort der Auschwitzprozess überhaupt eine Rolle?

Meine Großeltern wussten, wer Fritz Bauer war, das war ihnen alles sehr bewusst. Anders als in den frühen Sechzigerjahren in Westdeutschland, waren die Menschen in Ostdeutschland beim Thema Auschwitz nicht dermaßen ahnungslos.

Das Gespräch führte Sabine Dultz.

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