Buch in München vorgestellt

Alfred Polgar schaut auf Marlene

München - Viele Jahre galt sie als verschollen, die Schrift des Wiener Feuilletonisten Alfred Polgar über Marlene Dietrich. Germanist Ulrich Weinzierl hat sie wiederentdeckt - und veröffentlicht.

Sie war eine Ausnahmefrau, Deutschlands erster Megastar, Hollywood-Diva und leidenschaftliche Antifaschistin: Marlene Dietrich. Bücher über sie füllen Borde. Die aktuelle Neuerscheinung unterscheidet sich davon jedoch in einem grundlegenden Faktor: Sie ist einer der ältesten biografischen Texte über die Schauspielerin. Im Jahr 1937 von dem großen Wiener Feuilletonisten Alfred Polgar verfasst, durch Germanist Ulrich Weinzierl wiederentdeckt und nun erstmals als Buch herausgegeben. „Marlene – Bild einer berühmten Zeitgenossin“ ist ein Stück Emigrationsliteratur, gezeichnet von den Wirrungen seiner Zeit. Die Veröffentlichung wurde durch den „Anschluss“ Österreichs 1938 unmöglich, das Manuskript begleitete den Autor bei seiner Flucht vor den Nazis.

Polgar (1873–1955), eine der flottesten Federn seiner Zeit und Meister der kleinen Form, war für das Projekt prädestiniert. Denn er verfolgte Marlenes Karriere von ihren frühen Anfängen an. Im Jahr 1927 sah er sie in der kleinen Rolle des Tanzgirls Ruby in einem Kriminalstück an den Wiener Kammerspielen. Und um Polgar, als Theaterkritiker ein durchaus schonungsloser Vertreter seiner Zunft, war es geschehen. Er wurde Dietrich-Fan. 1930, als Marlene in der Rolle der verruchten Tänzerin Lola Lola in Josef von Sternbergs „Der blaue Engel“ den Durchbruch schaffte, überreichte er ihr sogar einen Band seiner Kurzprosa mit persönlicher Widmung.

Drei Jahre später, Marlene war bereits in Hollywood, musste Polgar als Jude aus Hitler-Deutschland in seine Heimatstadt zurückkehren. Seines journalistischen Lebensunterhalts beraubt, wandte er sich an den Schweizer Mäzen Carl Seelig mit der Bitte um Hilfe. Dieser wiederum schaltete Marlene Dietrich ein, die dafür bekannt war, Emigranten selbstlos zu unterstützen und, ohne mit der Wimper zu zucken, hohe Beträge auf Polgars Konto überwies. Dieser war beschämt, auch weil Seeligs Intervention ohne sein Wissen erfolgt war. Als eine Art Wiedergutmachung bot er Marlene an, etwas für sie zu schreiben.

Im Jahr 1937, als ihre Karriere einen ersten Knick erlebte und die Hollywood-Presse sie zum Kassengift erklärte, nahm sie das Angebot an. Polgar sollte für einen Wiener Verlag eine Marlene-Biografie verfassen. Die mit einem großzügigen Vorschuss versehene Dankestat wurde für ihn jedoch immer mehr zur Qual, zu „bittrer, schwerer Arbeit“. Polgar flüchtete 1938 über die Schweiz und Paris in die USA. Dort entdeckte Ulrich Weinzierl das Manuskript 1984 im Nachlass von Polgars Stiefsohn.

Leider hat es sich nur teilweise gelohnt, den Text dem Vergessen zu entreißen. Denn das Buch ist weniger Biografie als vielmehr das bittere Zeitdokument eines Emigranten, der sich aus Überlebenszwecken selbst zum Lohnschreiber degradieren musste. Auf nahezu jeder Seite spürt man, wie unwohl sich der unabhängige Geist und scharfzüngige Rezensent als Hofberichterstatter gefühlt haben muss. In schwer ernstzunehmender Übersteigerung singt er Lobeshymnen auf die Auftraggeberin. Marlenes Stimme sei „erregender und dramatischer als ein leidenschaftlicher Schrei“, ihre Beine könnten jedem „modernen, ästhetischen Anspruch an solche vollkommen gerecht werden“ und das „Hintergründige und Tiefgründige“ ihres Gesichts vermöge ausschließlich ein Maler wiederzugeben, natürlich nur, wenn dieser ein Genie sei.

Analytisches, gar Überraschendes oder Intimes über die Dietrich erfährt man dagegen nicht. Doch weil Polgar ein großer Stilist ist, finden sich zwischen den Elogen immer wieder Sentenzen von einzigartiger Schönheit und kristalliner Brillanz. Etwa wenn er Marlenes Geburtsbezirk Schöneberg beschreibt als dort, „wo der Westen Berlins so tut, als wolle er ins Ländliche übergehen (es ist aber eine Täuschung, denn diese Stadt höret, wie die Liebe, nimmer auf)“ oder über die noch nicht gleichgeschaltete Ufa schreibt: „Der Name klingt wie eine Figur aus der ,Edda‘, aber zu einer solchen wurde die Universum Film A.G. erst später.“

Lohnend wird der Erwerb des Buches erst durch Weinzierls umfangreiches Nachwort, das die Geschichte des Textes sowie das Verhältnis von Polgar und Dietrich anhand des eingehenden Studiums von Original-Dokumenten spannend und profund nachzuzeichnen vermag.

Albert Meisl

Alfred Polgar:

„Marlene – Bild einer berühmten Zeitgenossin“. Zsolnay, 159 Seiten; 17,90 Euro. Herausgeber Ulrich Weinzierl stellt das Buch am Montag, 20 Uhr, im Münchner Literaturhaus, Salvatorplatz 1, vor. Karten: 089/ 28 00 135.

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