+
Alice Munro erhält den diesjährigen Literaturnobelpreis.

Meisterhafte Kurzgeschichten

Alice Munro erhält Literaturnobelpreis

Oslo - Sie sei die "Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte": Die kanadische Schriftstellerin Alice Munro wird für ihr literarisches Werk mit dem diesjährigen Literaturnobelpreis ausgezeichnet.

Munro gilt heute als eine der wichtigsten kanadischen Autorinnen. Sie ist die erste Kanadierin und die 13. weibliche Preisträgerin in der 112-jährigen Geschichte des Literaturnobelpreises.

Erstmals fiel die Wahl der Akademie auf eine reine Kurzgeschichten-Autorin. Munro werde vor allem für ihre subtile Erzählkunst, ihren "klaren Stil und psychologischen Realismus" gefeiert, schrieb die Akademie. Einige Kritiker sähen in ihr einen "kanadischen Tschechow".

Zu ihren bekanntesten Werken zählen "Wozu wollen Sie das wissen", "Das Bettlermädchen: Geschichten von Flo und Rose", "Glaubst Du, es war Liebe", "Offene Geheimnisse" und "Tricks". Ihre Sammlung "Himmel und Hölle" wurde 2006 verfilmt ("An ihrer Seite"). Zuletzt erschien von ihr im vergangenen Jahr "Dear Life: Stories".

Munros Kurzgeschichten siedeln meist im ländlichen Ontario, wo sie selbst unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen ist. Sie beschäftigen sich mit dem Schicksal der Bewohner, deren "Kampf um eine würdige Existenz" oftmals zu schweren Beziehungsproblemen und moralischen Konflikten führen. Auslöser sind dabei immer wieder kleine, aber entscheidende Alltagserlebnisse, die ein Schlaglicht auf Grundfragen des Lebens werfen.

Munro gilt schon seit Jahren als eine der Anwärterinnen für den Nobelpreis. Sie schrieb ihr ganzes Leben lang: Ihre ersten Geschichten veröffentlichte sie als Studentin, und auch heute mit über 80 Jahren gönnt sie sich keine Pause. Sie lebt und schreibt in Clinton in ihrer alten Heimat Ontario - weitab von den Medien und dem üblichen Literaturbetrieb.

Ungeachtet ihres Erfolgs und einer beeindruckenden Liste von Auszeichnungen blieb sie bescheiden und anspruchslos - ihren meist weiblichen Heldinnen in ihren Geschichten nicht unähnlich. Als die Akademie öffentlich ihren Namen verkündete, hatte sie die Autorin zunächst selbst noch nicht kontaktieren können.

Vor der kanadischen Presse äußerte sie sich später dann überrascht und glücklich. "Ich wusste, dass ich im Rennen war, das schon, aber ich habe nie gedacht, dass ich gewinnen würde", zitierte die Zeitung "Toronto Star" die Preisträgerin. Dem kanadischen Sender CBC sagte sie, ihre Tochter habe sie mit der wundervollen Nachricht geweckt. Sie habe die Chance stets als minimal angesehen, als "eines dieser Hirngespinste".

Munro wurde am 10. Juli 1931 in Wingham geboren, sie wuchs auf dem Land auf. Mit elf Jahren beschloss sie, Schriftstellerin zu werden. Beharrlich verfolgte sie seitdem ihren Karrierewunsch: "Möglicherweise war ich darin so erfolgreich, weil ich keine anderen Talente besaß", sagte sie einmal in einem Interview. "Ich bin keine Intellektuelle, als Hausfrau war ich okay, aber nicht toll. Es gab nichts anderes, wozu ich mich hingezogen fühlte."

Munro sagt von sich selbst, sie schreibe über die "Schattenseite der Beziehungen". In ihre Geschichten fließen ihre eigenen Erfahrungen und Irritationen mit ein. Es gibt keine "kleinen und großen Themen", beschreibt sie ihre künstlerische Philosophie: "Die großen Dinge - das Böse in der Welt - haben eine unmittelbare Beziehung zu dem Bösen, das sich die Menschen gegenseitig beim Abendessen antun."

Der Literaturnobelpreis ist mit acht Millionen schwedischen Kronen (918.000 Euro) dotiert. Überreicht werden die Preise am 10. Dezember, dem Todestag von Stifter Alfred Nobel. Vergangenes Jahr hatte die Jury den Chinesen Mo Yan ausgezeichnet, der durch den Roman "Das rote Kornfeld" international bekannt wurde.

afp

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Hamlet ist Richter und Henker“
München - Gleich zum Auftakt des Jahres lassen es die Münchner Theater krachen. Wenige Tage nach „Macbeth“ am Residenztheater folgt in den Kammerspielen ein weiterer …
„Hamlet ist Richter und Henker“
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
München - Wer das Wort „fantastisch“ im Namen führt und auszieht, sein Best-of unters Volk zu bringen, der hängt die Messlatte hoch. Die Fantastischen Vier erfüllen den …
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht

Kommentare