Alle Alarmlampen überwachen

- "Wenn ich mich jetzt vor Nervosität verrückt machen würde, dürfte ich doch gar nicht auf die Bühne." Und so erklärt sich Diana Damrau drei Stunden vor Beginn der Münchner "Zauberflöte" freimütig zum Interview bereit. Locker plaudernd, mit strahlenden Augen von ihren gerade absolvierten sechs "Barbier"-Vorstellungen an der New Yorker Met erzählend, dabei immer wieder in ansteckendes Lachen ausbrechend. Es ist nicht der letzte Termin, bevor sie zwei der kniffligsten Arien der Operngeschichte singen wird: Später darf noch eine Schülerin in die Garderobe, die ihre Facharbeit über Mozarts Königin der Nacht schreibt.

Da hat die Schülerin aber Glück gehabt. Denn Diana Damrau, derzeit weltbeste Interpretin dieser Rolle, nimmt Abschied von der Partie. Die wohl letzte Vorstellung ist am kommenden Donnerstag im Nationaltheater. "Mir hat die Königin die Tür zu vielen Häusern geöffnet", sagt die Merkur-Theaterpreisträgerin. "Aber bei ihr muss ich wirklich immer hundertprozentig fit sein. Wenn man leicht angeschlagen ist, kann man sich auch wehtun, was dann vielleicht wochenlanges Absagen zur Folge hat. Ich will nicht dazu gezwungen werden, mit der Königin aufzuhören. Dieser Hochleistungssport macht unheimlich Spaß, doch man muss ihn nicht ständig betreiben."

Spaß hat die gebürtige Günzburgerin auf der Bühne zweifellos. Das merkt man ihr an, wenn sie als aufgekratzte Rosina die New Yorker Bühne dominiert, das spürt man auch, wenn sich Diana Damrau in ihre rund zehn "Zauberflöten"-Minuten hineinwirft, dabei ihrem Sopran schier übermütig Dramatik, Farben und Extremtöne abverlangt. In Sachen Stimmtechnik schalte sie dabei "auf Autopilot" ­ auch wenn "alle Alarmlampen ständig überwacht sein wollen".

Oper steht nach wie vor im Zentrum von Diana Damraus Karriere. Konzerte wie am morgigen Dienstag sind fast die Ausnahme. Da ist sie im Prinzregententheater mit Mozarts "Exsultate jubilate" und Bachs "Jauchzet Gott in allen Landen" zu erleben, es spielt das Kammerorchester der BR-Symphoniker unter seinem Konzertmeister Radoslaw Szulc. Noch immer zählt Diana Damrau zu einer besonderen Spezies des Klassikmarkts. Denn hohe Koloratursoprane sind selten. Und Vertreterinnen, die nicht nur kalte Virtuosität absondern, sondern ihrem Vortrag auch Wärme und Innigkeit geben können, gibt es so gut wie gar nicht.

"Solche Stimmen sind eher Veranlagungssache", meint Diana Damrau. "Gott sei Dank wurde bei mir in der Ausbildung nicht gleich auf dem Koloratursopran herumgeritten. Es gibt so viele Kinder, die sich mit 16, 17 an der Königin ausprobieren. Dabei ist doch der Kehlkopf erst mit Mitte 20 fertig entwickelt." Ein Thema, bei dem sich Diana Damrau richtig in Rage reden kann: "Wenn ich mir anschaue, wie viele junge Sänger als Marionetten behandelt werden. Ähnlich wie diese armen Turnküken oder manche Ballettkinder. Oder wie Fünfjährige, die in den USA als Shirley Temple ausstaffiert werden. So was wie Entwicklung oder Reifung wird da total blockiert!" Die großen Partien hat sich Diana Damrau, die ihr Würzburger Studium vor elf Jahren abschloss, schon auch gewünscht. "Aber ich wollte sie halt richtig lernen, man kann doch nicht mit den Spitzentönen anfangen."

Selbstkritisch ist sie dabei geblieben. Auf die Meinung von "ein paar Vertrauten", die in den Vorstellungen sitzen, gibt Diana Damrau viel. Donizettis "Maria Stuarda" und Verdis "La traviata" hat sie gleich ganz zurückgegeben: "Ich weiß dass ich die Violetta singen kann, ich will mir aber noch Zeit geben." Dafür steuert sie Donizettis "Linda di Chamonix" und Rollen in Rossinis "Comte Ory" und Adams "Regimentstochter" an, Letztere wieder an der Met. Belcanto, auch französisches Fach, zudem Lyrisches wie Mozarts "Figaro"-Susanna in München und bei den Salzburger Festspielen, das sind die nächstliegenden Ziele.

"Ich weiß, dass ich die Violetta singen kann, ich will mir aber noch Zeit geben."

Diana Damrau

Die Königin der Nacht als Eintrittskarte braucht Diana Damrau dafür nicht mehr. Die internationalen Opernhäuser greifen begehrlich nach der deutschen Sopranistin, betrauen sie dabei ­ keine Selbstverständlichkeit ­ auch mit nichtdeutschem Repertoire. Und dass die großen CD-Firmen (noch) nicht Schlange stehen, um eine Gesamtaufnahme oder Solo-Scheibe mit ihr zu produzieren, kümmert sie wenig. "Das wird schon kommen."

60 bis 70 Vorstellungen pro Saison geben und dafür um die Welt reisen, das genießt sie. "Ich habe noch keine Kinder, also muss ich auch noch nicht sesshaft sein." Und ob Diana Damrau wohl realisiert hat, dass sie durchaus in die Kategorie Weltstar fällt? "Ich empfinde bei alledem eher eine wahnsinnige Dankbarkeit. Den Bekanntheitsgrad habe ich mir erarbeitet, das reicht. Aber Berühmtheit oder Glamour-Girl ­ also wirklich nicht."

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