Alle Bilder lügen

- "Stefan Moses -Retrospektive" heißt die Ausstellung, die ab dem 11. 12. im Münchner Fotomuseum zu sehen ist. So knapp der Titel, so unübersehbar die Fülle der Gedanken, Geschichtchen und welthistorischen Ereignisse, die sich dahinter verbirgt. Menschen in Deutschland, das war ein Hauptthema des Münchners Stefan Moses (1928 in Liegnitz, Schlesien, geboren). Seinem uvre, das er 1995 dem Fotomuseum überlassen hat, ist die Schau gewidmet. Aber mehr noch den Fotografierten (von Ernst Bloch bis Gisela Stein, von Leipziger Kindern bis Stefan Heym 1989) und denen, die die Fotos anschauen. Denn in Moses' Arbeiten sehen sie sich selbst - und finden dabei vielleicht das Erkenne-dich-selbst.

<P>Die Ausstellung ist eine Retrospektive, reflektiert Ihr Lebenswerk. Gibt es bestimmte Akzente, die Sie setzen?</P><P>Moses: Alles ist gleich wichtig. Es gibt keine Ruhe bis zum Schluss. Solange ich arbeite, bin ich im Kreis. Aber weil Sie fragen: die "deutschen Menschenbilder". Kein Volk in Europa hat sich mehr verändert. Diese Bilder verbinden unsere Gegenwart mit der Vergangenheit. Und "Manuel" liegt mir am Herzen, das Fotobuch schildert ein Jahr aus dem Leben meines Sohnes, als er fünf war.</P><P>Nach Ihrem Schaffen gefragt, sprechen Sie von Ihrem Leben. Ist für Sie Leben und Arbeiten das Gleiche?</P><P>Moses: Das ist ein Gewebe.</P><P>Sie sind einerseits - gerade gegenüber Interviews - selbst ziemlich misstrauisch, müssen andererseits beim Fotografieren das Vertrauen von Menschen gewinnen.</P><P>Moses: Ich bin nicht misstrauisch, aber vorsichtig. Beim Fotografieren muss der Funke überspringen; ich muss denjenigen gern haben - oder ich höre schnell auf. Jemanden aufzunehmen, ist Analyse, man kommuniziert miteinander. Fotografieren und miteinander Reden ist ja schon eine Art Therapie. Fotografieren und fotografiert werden zusammen ist ein analytischer Vorgang. Aber das alles darf man nicht zerreden: Das ist meine Philosophie. Entscheidend ist das Kindsein - dann kann man sich mit den Partnern verständigen; vor allem mit denen, die kindlich geblieben sind. Ich bin auch so ein Kind. Die Erkenntnis, dass das Leben eines Tages zu Ende geht, verbindet die Menschen.</P><P>Sie sind berühmt, und man fühlt sich geehrt, von Ihnen fotografiert zu werden. Aber die Menschen in der DDR: Sagten die nicht, was will der von uns? Warum will der uns vor einem großen Tuch fotografieren?</P><P>Moses: Es klappte wahrscheinlich deswegen, weil ich mich einerseits wie ein Ossi fühlte - bis 1950 habe ich in Weimar gelebt -, und weil ich andererseits ein uraltes Auto und eine uralte Kamera hatte. Manche waren richtig enttäuscht. Ach, die Hoffnungen waren damals so groß, und es gab so viele Fragen! Das war einerseits anheimelnd, aber auch ein bisschen antiquiert. Die Menschen dort wollten eigentlich nicht fotografiert werden, sondern reden, erzählen. Viele waren nicht begeistert. Gerade die gescheiten Leute waren gegen die Wiedervereinigung, aber die war doch unser tägliches Nachtgebet.</P><P>Sie werden als Porträtist der Deutschen bezeichnet. Was ist Ihnen Deutschland?</P><P>Moses: Ich fahre lieber nach Passau oder Kiel als nach Sydney. Ich bin Katze: also sehr häuslich. Deutschland ist für mich Sprache, Musik, Menschen, Zuhause-sein. Ich versuche in einen Dialog mit den Menschen zu kommen, mich einzudenken, dialogisch auf sie zuzugehen. Für die Fotografie gilt: Man kann nur beschreiben, was man kennt.</P><P>Zur Bildgestaltung verwenden Sie oft "Accessoires" oder Hintergründe wie Spiegel, Maske, Hantel, Tuch, Wald, Interieur. Wie bedeutsam sind diese Elemente?</P><P>Moses: Ganz wichtig. Bei meinen Arbeiten gibt es zwei Welten: die Life-Fotografie, die gefundenen Bilder, und die Konzept-Fotografie. Als ich für den "stern" arbeitete, schlug mir Henri Nannen vor, eine große Deutschlandreise zu unternehmen, wie ich sie gerade 1962 über England publiziert hatte. So entstanden zwölf fotografische Kapitel wie die hantelnden Politiker ohne deren Schreibtisch-Bräsigkeit, die großen Alten im Wald, die Deutschen - bekannte und unbekannte, "Künstler machen Masken" und vieles mehr. Die Welt ist Bühne. Die Posen mussten aber aufgelöst werden. Außerdem nehmen solche Objekte die Angst. Der Wald ist Bruder und Schwester für den Menschen.</P><P>Was bedeutet Ihnen Wahrheit/ Wahrhaftigkeit bei Bildern?</P><P>Moses: Alle Bilder lügen. Bresson sprach vom "moment décisif", dem entscheidenden, nicht-wiederholbaren Augenblick. Das ist ein großer Irrtum. Meine Philosophie ist die der Sequenz. Denn alles ist im Fluss - selbst die Umgebung, das Umfeld erscheint dann in den gefundenen Bildern als Brechtbühne. Es entstehen mehrere Fotografien zu einer Situation. Den "moment décisif" gibt es nicht.</P><P>Aber Bilder sind doch durchaus auch wahr?</P><P>Moses: Ja. Man kann alles um 180 Grad drehen. Natürlich betrachtet jeder die Welt und die Wesen mit eigenen Augen - im anderen Blickwinkel. Unser ganzes Dasein ist Theater. Jeder hat seine Rolle. Da spielt eine kräftige Portion Magie mit. Und auch Urvertrauen. Ich glaube, je fürchterlicher die Welt wird, umso nachdenklicher werden viele. Und das Gegenteil wird gestützt, nämlich dass Menschen mehr Verantwortung übernehmen. Durch Krisen wird sich vieles ändern. Man darf nicht aufhören zu hoffen. Man wird gnädiger, wenn man älter wird. Das Fotografieren ist permanente Erinnerungsarbeit. Meine ist: Menschen festzuhalten, bevor sie verloren gehen. Ja, die Fotografie ist ein Medium der besonderen Art.</P><P><BR> </P>

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