Alle Damen lieben Adam

- Die moderne amerikanische Gesellschaft - daraus schöpft Joyce Carol Oates, Jahrgang `38, ihre Romane. In "Hudson River" ist es die finanziell saturierte Schicht der Armani-Träger und Besitzer kostensatt restaurierter Herrenhäuser im Kolonialstil, welche sich, eine halbe Stunde vom hektischen Manhattan entfernt, die exklusive Ruhe der schicken Kleinstadt Salthill-on-Hudson leisten. Alle keine ganz jungen Leute mehr, diese denn auch von Oates gezielt heftig in die Midlife-Krise geschickten Figuren.

<P> Sieben auf einen Streich. Entsprechend Charakter und Vita kriselt es bei jedem anders - womit Oates die typischen Lebensmitte-Paniken und Folge-Katastrophen abdeckt: Der Verlagshaus-Chef Lionel facht die schon lange dahindämmernde Sexualität neu an bei einer exotischen Krankengymnastin, nicht älter als seine Tochter.</P><P> Während Gattin Camille, völlig zerstört, ihre nun objektlos gewordene Liebe herrenlosen Hunden zukommen lässt. Die geschiedene extravagante Im Ehe-Mausoleum Abigail verliert durch ihre Mutter-Klammerung die Zuneigung ihres Sohnes und damit den Sinn des Lebens. Die üppige Rubens-Schönheit Augusta entflieht nach 30 Jahren ("Wir sind einbalsamierte Leichen") dem "Ehe-Mausoleum". Roger, geschiedener Erfolgs-Jurist, will als später Alleinerzieher von unverhofftem Sohn aus Zufalls-Affäre sein früheres Scheitern als Vater wettmachen. <BR><BR>Ein Reigen aus Kurzgeschichten im Grunde, die die Autorin jedoch durch den kleinen Schauplatz Salthill, vor allem jedoch durch einen cleveren Kunstgriff zum Roman zusammenführt: Alle Damen lieben insgeheim den Bildhauer Adam Berendt. Auch fast alle ihre Ehemänner haben eine bewundernde Kumpel-Beziehung zu ihm. Doch der Junggeselle Adam, Inbegriff der sexy Männlichkeit - ohne je einer der weiblichen Avancen nachgegeben zu haben -, geheimnisumwitterter Einzelgänger und Künstler, muss bereits zu Beginn des Romans den Lebensretter-Tod in der Hudson-Bay sterben. Damit sich an Adams glorifizierter Erinnerung umso intensiver die Lebensentschlüsse dieser Salthiller entzünden. Sie bekennen dem Verstorbenen ihre Liebe, fragen den einstigen stets weisen Lebensberater um Rat. <BR><BR>Und Adam - oder die eigene von Adams Maximen inspirierte innere Stimme - antwortet dann sogar. Derlei Jenseitsgeflüster wie auch die häufigen kurzen, abrupt ins Erzählen eingeschobenen inneren Monologe, jeweils in Kursivdruck, sind von markerschütternder Trivialität. Möchte die Autorin ihre Figuren denunzieren? Ihre Widmung, "Für meine Freunde aus Princeton, die auf diesen Seiten nicht vorkommen", legt diese Vermutung nahe. Oder hat Oates bei ihrer doch sehr regelmäßigen Produktion keine Zeit für ein Feilen an Stil und dem Dekorationskitsch ihrer Sprachbilder? Der Winterhimmel ist "dunkel wie ein gebrochenes Herz"; "Gedanken summten und vibrierten wie der Lüfter im Bad"; "ihre verkümmerte Seele schlug gegen ihren Pferch wie ein Vogel, der in einen Schornstein geraten war." Auweia. <BR><BR>Kaum mildernde Umstände durch die nicht durchgehend sorgfältige Übersetzung. Aber eines kann Joyce Carol Oates: über alle, wenn auch konstruiert wirkenden Beziehungsverflechtungen hinweg die Erzählspannung halten - bis auf Seite 607. <BR><BR>Joyce Carol Oates: "Hudson River". <BR>Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. <BR>S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. <BR>607 Seiten<BR>24,90 Euro. <BR><BR></P><P>Das Buch über unseren Partner amazon.de bestellen: <BR> Joyce Carol Oates: "Hudson River". </P>

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