Alle lernten bei ihm den Blues

- Was heißt hier Abschied? "Final Farewell Tour" sind B.B. Kings Konzerte in Deutschland dieses Jahr überschrieben, "Farewell Tour" hießen sie im vergangenen Jahr. 80 Jahre alt ist der letzte Überlebende der großen Generation des Blues, am 16. September wird er seinen 81. Geburtstag feiern. Aber B.B. King wird nie aufhören.

Fast 60 Jahre steht der legitime König des Blues auf der Bühne, es gab viele Jahre, in denen er weit mehr als 300 Konzerte im Jahr spielte, selbst im vergangenen Jahrzehnt waren es oft noch an die 200. Am 12. September tritt er in der Münchner Olympiahalle auf.

Was seine Pläne für das Leben nach dem Touren sei, fragt ihn ein Fernsehreporter vor seinem Auftritt in Zürich vor einigen Wochen. "Welches Leben danach?", gibt King zurück. "Wie viel Zeit, meinen Sie, mir noch bleibt?"

Er sagt das höflich, ohne Vorwurf. Der King hat seine massige Gestalt in weißem Hemd mit Fliege auf einem Sofa drapiert, er sieht gut aus, er lächelt. Im Konzert wird er ein Glitzersakko tragen, wie seit Jahrzehnten. Einen Ausdruck wie "ultimative Abschiedstournee" müssen die Veranstalter vielleicht nicht mehr ausgraben. Denn ein Abschied von Europa, das ist es schon. "Ich werde nicht mehr im Ausland auf Tour gehen", sagt B.B. King in Zürich. "In den USA werde ich weiter Konzerte geben." Etwas kürzer treten, das ist alles.

Fängt man an zu rechnen, kommen nach konservativer Schätzung 15 000 Auftritte zusammen. Gut 75 Alben und neun Grammys. Auftritte in 90 Ländern, darunter als erster Bluesmann in der Sowjetunion. Die abgeflogenen Kilometer und vor allem die Meilen im Tourbus auf den Highways, in atemloser Fahrt zwischen Los Angeles und New York und Houston, Texas, gehen locker in die Millionen. Da kann man schon von Schwerstabhängigkeit sprechen. "I need you so", schmachtet King beim Konzert im Innenhof des Schweizer Landesmuseums das Publikum an.

"Ich habe den Papst getroffen und vier amtierende Präsidenten."

B.B. King

Sein Auftritt ist weniger museal als die Stadiontournee der Rolling Stones, die neben vielen anderen bei ihm den Blues lernten und ihn für die weißen Kids spielten. Er tut das, was er immer tat. Den Blues spielen. Für gesetzte Grauköpfe, Endzwanziger, Grüppchen Jugendlicher. Außer dem Applaus bleiben King keine Drogen mehr. Wegen Diabetes musste er Trinken und Rauchen aufgeben. Die Knie schmerzen, der Arm, Gelenke. "Ich werde diese Straße abfahren bis zum ersten Licht des Morgens", singt er.

Die Straße war lang, an ihren Rändern standen unzählige Musiker, die dem Klang seiner Gitarre Lucille erlagen. Die Straße des B.B. King begann in Memphis, Tennessee, wo so viele Musikerkarrieren begannen. Aber eigentlich begann sie auf den Baumwollplantagen um die ärmliche Stadt Indianola im Staate Mississippi. Dort wuchs Riley B. King auf, den sie später im Memphis den "Blues Boy" nannten. Dorthin will er jetzt zurückkehren. Als Legende ohnehin, aber auch persönlich. Im kommenden Sommer soll in Indianola das B.B. King-Museum eröffnen. "Kommen Sie vorbei, ich lade Sie ein", sagt er dem Gast gut gelaunt. Er möchte mehr Zeit in seinem Heimatstaat verbringen, kündigt King an. "Ich habe mir schon vor Jahren Land dort gekauft. Vielleicht stellt jemand ein Zelt auf für mich."

Er wird sich natürlich auch einen Palast leisten können. Aber der König mag an diesem Abend in Zürich kein imperiales Gehabe. Er liebt die Selbstironie. Das Abgeklärte. Welche Träume haben Sie noch mit 80, Mr. King, fragt man ihn eine Spur zu salbungsvoll. Der König lacht breit. "Ich träume jede Nacht. Das Problem ist, die meisten Träume gehen nicht in Erfüllung." Man darf vermuten, dass es in vielen dieser Träume um Frauen geht.

Die nächste salbungsvolle Frage: Hat sich das Zusammenleben von Schwarz und Weiß in Amerika seit den Zeiten der Rassentrennung, in denen Sie aufwuchsen, wirklich verbessert? "Ich hatte eine glückliche Kindheit. Und heute ist es in Mississippi besser als in den meisten anderen Ländern dieser Welt." Mach' mir bloß meine Heimat nicht schlecht, jetzt, wo ich dahin zurückkehre, soll das heißen. B.B. Kings Mutter starb, bevor er zehn war. Die Armut auf den Plantagen war unvorstellbar. Eine weiterführende Schule hat er nie besucht. Letzteres ist sein Komplex. B.B. King ist ein Lernender geworden, als es ihm möglich wurde.

Durch die Musik. Fragt man ihn, was sie bewirken kann, antwortet er mit seiner Biografie. "Ich habe den Papst getroffen und vier amtierende Präsidenten. Yale hat mir einen Doktorhut gegeben. Ich habe mit vielen wichtigen und smarten Leuten geredet. Das haben sie alles nicht getan, weil ich ein Bauer bin und Baumwolle gepflückt habe, sondern weil ich Musik mache." Er unterbricht kurz. "Was die Musik sonst kann? Ich weiß es nicht."

In seinem Konzert wirft er mit Witzen um sich, wie er es immer tut. "Der Blues soll nicht nur traurig sein", sagt er immer. "Heute morgen um drei hat mich mein Baby verlassen - ja, das kann eine deprimierende Sache sein", lacht er. "Aber es ist doch auch etwas Absurdes: Was zum Teufel macht dieser Typ jetzt morgens um drei? Ist das nicht auch zum Brüllen, diese Situation?" Für den Verlassenen sicher weniger als für den, der darüber singt. Doch Freude muss in den Blues, auch wenn es Schadenfreude ist.

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