Alle sind die Schatten ihrer selbst

- Durs Grünbein ist einer der besten Lyriker unserer Zeit. Die Münchener Musiktheater-Biennale, die Wiener Festwochen und die Berliner Festspiele konnten ihn gewinnen, ein Libretto zu schreiben für Johannes Maria Stauds erste Oper. Mit der Uraufführung von "Berenice", nach einer kleinen Schauergeschichte von Edgar Allan Poe für eine Zeitung, eröffnet heute im Gärtnerplatztheater die Biennale.

<P>Die bizarre Liebesgeschichte um Egaeus und Berenice inszeniert Claus Guth; die musikalische Leitung hat Stefan Asbury. Den Egaeus singt Otto Katzameier, der sprechende Egaeus ist besetzt mit Matthias Bundschuh von den Kammerspielen. Die Partie der Berenice hat Dorothee Mields übernommen.</P><P>Das ist Ihr erstes Libretto. Wie ist es, wenn man als Dichter, der ja allein vor sich hinwerkelt, in eine große Theater-Maschinerie eingebunden wird?<BR>Grünbein: Das ist nicht mein erster Kontakt mit dem Theater. Ich habe schon Dramen übersetzt und selbst in mehreren Funktionen dort gearbeitet. Theater ist eine gewisse Konstanz in meinem Leben, letzten Endes aber eine Sehnsucht gewesen. Es gibt eine Affinität von Lyrik zur Musik. Viele Sachen von mir sind vertont worden _ da war ich jedoch nicht beteiligt.</P><P>Nochmal: Der Einzelkämpfer ist plötzlich eingebunden.<BR>Grünbein: Es wird in jedem Fall mehr: Musik, Regie, Bühne, Licht - das mir sehr gefällt - und obendrein Schauspiel und Gesang. Das Wort ist statischer, es muss nicht so argumentieren: Es wird als poetisches Wort behandelt. Und es gibt eine ideale Beziehung zu Johannes Staud - und zu Poe.</P><P>Haben Sie sich fürs Librettoschreiben ein handwerkliches Vorbild gesucht?<BR>Grünbein: Man lernt durchs Machen. Vielleicht habe ich zu Hofmannsthal hingeschielt, den ich als Autor sehr schätze. Es hat mich früh interessiert, wie Brecht mit Musik gearbeitet hat; ich bin auch früh mit Heiner Müllers "Drachenoper" in Kontakt gekommen. Ich wollte aber, dass das Libretto als Text für sich steht. Es sollte kein bloßer Gebrauchstext sein. Natürlich habe ich dafür einiges geschrieben, was ich in einen Lyrik-Band nicht aufnehmen würde. </P><P>Sie haben eng mit Staud zusammengearbeitet. Hat er Sie geschimpft, weil Ihre Sprache ihrerseits Musik ist? Kommen Sie ihm ins Gehege?<BR>Grünbein: Ich will erzählen, wie alles entstand. Es gab einen ersten Entwurf, einen zweiten. Ab dem dritten habe ich Poe und seinen Vamp eingeführt: nicht Hoffmanns Erzählungen, sondern Poes Erzählungen. Danach hat Johannes (Staud) komponiert, Akt für Akt. Er hat schon stark auf diesem Fundament aufgebaut. Ich habe versucht, dem Komponisten ein reichhaltiges Angebot an Versformen zu machen - inklusive Balladen. Das hat er dankbar angenommen. Ich habe selten eine so harmonische Zusammenarbeit erlebt: Wir haben uns der Musik von zwei Seiten angenähert. Ich dachte schon, dass er streichen wird, aber Johannes hat mich ermuntert. Sogar die gesprochenen Passagen hat er sich gewünscht im Sinne einer Verdeutlichung.</P><P>Sie halten sich inhaltlich nahe ans Poes Erzählung. Aber Sie brechen das auf durch Witz und Ironie: Poe und sein Vamp treten auf, es gibt boulevardeske Pingpong-Dialoge. Sind solche Feinheiten noch musiktheatralisch zu realisieren?<BR>Grünbein: Es gibt mehrere Ironie-Ebenen. Staud hat mich bestärkt, mehrschichtig zu arbeiten. Auch die erotische Komponente _ wer hat nun mit wem? _ hat er herausgefordert.</P><P>Aber der Regisseur muss doch besorgt gewesen sein wegen dieser Komplexität.<BR>Grünbein: Claus Guth macht das enorm Spaß. Alles hat sich beim Probenbeginn Anfang April entschieden. Zunächst sollte nur gelesen werden, aber dann hieß es: Wir probieren das gleich. Da hat's sich gezeigt, dass es sehr gut funktioniert. Nach der ersten Probe war der Regisseur schon viel gelassener . . . Da die Musik ausgefeilt ist - ein Hauch Jazz, Klezmer, Weill, Swing bis hin zum Ohrwurm - habe ich großes Vertrauen gehabt. Das Stück ist kurzweilig, man kommt beschwingt heraus. Das Ganze ist wirklich ein aufregender Vorgang.</P><P>Egaeus leidet unter der "Krankheit Lesen", und Poe bejammert seinen Schreibstress. Nehmen Sie sich damit ein bisschen selbst auf den Arm?<BR>Grünbein: Das ist ein Grundmotiv bei Poe. Na ja, Bruder Poe . . . Und Künstlerproblematik wird oft dargestellt.</P><P>Aber kaum so witzig wie von Ihnen in "Berenice".<BR>Grünbein: Das ist eine humorvolle Dialektik. Natürlich geht's um Existenzielles. Man gibt ja vieles auf, manche Autoren leben sogar sozusagen im Zölibat . . . Mich hat gereizt: die Ikone Poe. Ich bin eines Tages aufgewacht und wusste: Ich muss Poe auf die Bühne stellen. Poe ist der Autor und das Modell Autor schlechthin. Als Figur ist er markant wie Oscar Wilde. </P><P>In "Berenice" gibt es verschiedene Nicht-Leben im Leben.<BR>Grünbein: Alles spielt in einem Zwischenreich von Diesseits und Jenseits. Zeit kehrt sich um, ist fort und wieder da. Man bewegt sich auf der Schwelle, die Linearität ist aufgelöst. Alle sind auch die Schatten ihrer selbst.</P><P>In Ihrem Oeuvre spielt Bildung, spielen vielfältige Bezüge zu unserer Tradition eine entscheidende Rolle. Und das in einer Zeit, in der vor allem Nützlichkeit, unmittelbare Verwertbarkeit zählen.<BR>Grünbein: Das ist das Geheimnis der Metaphysik von Literatur: Durch die Schrift gibt es eine Wiederauferstehung. Das macht aber zum Beispiel das Kino auch. Es geht nicht um das Schreckenswort "Bildung", sondern darum: Etwas wird in uns als Zuschauer gegenwärtig. Lektüre vervielfacht uns, macht das Leben intensiver, wir werden reicher. Bildung ist nicht tote Materie, sondern Bereicherung, man tritt in einen Dialog mit großen Geistern. Das simple Alltagsleben, gestaltet in einem Vers, ist mehr als wir selbst, eine unmittelbare Leidenschaft. Aber das setzt Lesen voraus. Das muss man den Kindern schon beibringen . . .</P><P>Das Gespräch führte Simone Dattenberger</P>

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