Alle Sinne an die Puppe abgeben

Salzburg - 50 Zentimeter groß und stumm: Puppen gehören zu den Publikumslieblingen bei den Salzburger Festspielen. Sie sind die Hauptdarsteller im Opernabend "Der Schauspieldirektor & Bastien und Bastienne" nach zwei Mozart-Werken.

"Über die Bühne", kommandiert der Schauspieldirektor. "Einzeln!" Schulter an Schulter stehen sie da am Rand, zehn Sänger, die alle Star sein wollen in Mozarts "Bastien und Bastienne". Zögerlich tritt Nummer eins aus der Reihe und fliegt sofort raus: "Gehen! Nicht schweben!" Nummer drei geht zu locker und schleicht wie eine Katze, Nummer acht tritt im Stechschritt auf. "Wir sind hier nicht beim Militär", herrscht sie der Direktor an. Nummer acht kommt trotzdem in die nächste Runde.

Fast wie im richtigen Theater geht es zu. Dreizehn Puppen sind die Hauptakteure, ein Schauspieler, vier Sänger und ein Orchester ergänzen das Ensemble. Zehn Sängerinnen wollen die Titelpartie haben, der Direktor und sein Assistent Buff lassen vorsingen. Die beiden letzten in der Runde geben zur Probe des Einakters "Bastien und Bastienne", in dem ein Zauberer ein zerstrittenes Liebespaar wieder zusammenbringt. Letztes Jahr kam der Doppel-Abend im Marionettentheater heraus und hatte einen so großen Erfolg, dass die Festspiele ihn wiederaufnahmen. Mozart war zwölf, als er "Bastien und Bastienne" komponierte. Heute sind die jüngsten Zuschauer gerade alt genug, um zwei Stunden still zu sitzen. Kind genug, um sich von den Puppen ins Land aus Traum und Musik mitnehmen zu lassen, sind jedoch wohl alle, die sich fürs Marionettenspiel entscheiden.

Regisseur Thomas Reichert hat mit dem Schweizer Puppenbauer Pierre Monnerat für dieses Projekt spezielle Figuren entwickelt. Es sind stilisierte Holzpuppen: nacktes Holz, ein leicht überbetonter Kopf, der eine Gesichtsfläche nur andeutet - kein individueller Zug, der die zehn Mitglieder des hölzernen Ensembles für die Zuschauer unterscheidbar macht.

Bewegungen machen die

Persönlichkeit einer Marionette aus

Auf diese Weise führt der Regisseur dem Publikum gleich das Geheimnis des Puppentheaters vor: Es sind die Bewegungen, kleine Veränderungen in der Körperhaltung, vor allem aber der Kopf, der die Persönlichkeit ausmacht. Hier tragen nur die drei Mitspieler in "Bastien und Bastienne" Kostüme, um das Spiel im Spiel von der Rahmenhandlung abzusetzen. Die einzelnen Anwärter im "Vorsprechen" lernen die Zuschauer erst mit den gestellten Aufgaben kennen.

"Der ,Schauspieldirektor ist ein schwieriges Stück für uns", meint Eva Füdler, die seit 1990 im Salzburger Ensemble mitspielt. "Eben weil die Figuren kein Kostüm tragen. Man sieht jede Kleinigkeit. Wir müssen die Figuren wirklich total beherrschen."

Das zehnköpfige Ensemble hat für die Produktion musikalische Verstärkung bekommen. Wird sonst zu Aufnahmen vom Band gespielt, so begleitet hier die Junge Philharmonie Salzburg, und echte Sänger leihen den Figuren ihre Stimme. "Die Puppen haben einen eigenen Zauber", meint der rumänische Bassist Radu Cojocariu. "Sie sind es, die das Eis brechen und das Publikum öffnen. Das sind tolle Partner, auf die man sich verlassen kann."

Theater-Prinzipalin Gretl Aicher kratzt derweil Schmutz vom Boden. "Das muss alles sauber und glatt sein, damit niemand stolpert", erklärt die zierliche Dame. Minuten später nimmt sie mit den Kollegen eine Figur nach der anderen von der Stange und führt sie über die Szene. Die Sänger bleiben mit dunkler Kleidung im Hintergrund, im Licht stehen nur die kleinen, hellen Figuren an den unsichtbaren Fäden.

Nach den Festspielen wird das Marionettentheater wieder zum Normalbetrieb zurückkehren. Die Puppenkammer des Hauses gibt Einblick in die Vielfalt: Dicht an dicht, in Fünferreihen, stehen die gut kniehohen Figuren im Raum, die Königin der Nacht aus der "Zauberflöte" oder eine fette Kröte aus Shakespeares "Sommernachtstraum". "Das sind alles meine Kinder", lacht die 78-jährige Direktorin.

Ihr Großvater Anton Aicher, ein Bildhauer, hatte 1913 das Theater eröffnet - mit "Bastien und Bastienne". Was jemand können muss, um ein guter Spieler zu werden? Flinke Finger müsse man haben und Geschick in den Händen, meint Aicher. Alle Sinne müsse man an die Puppe abgeben. "Und irgendwann, nach Jahren, kommt der Moment, wo man beginnt, mit der Puppe zu atmen. Dann ist es richtig."

Vorstellungen noch bis 25. August (Tel. 0043/ 662/ 8045-500).

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