Alle Spiegel verhängt

- Also wer jetzt eigentlich? Bekommt der Tenor den Mezzo und der Bariton den Sopran? Oder verbandeln sich doch die jeweils hohen/tiefen Stimmen miteinander? So ganz werden wir darüber nicht aufgeklärt, belässt Jochen Schölch doch das Beziehungsgeflecht - bis zum verstohlenen Gefummel vorm Schlussakkord - im eigentümlich Diffusen.

<P>Denn noch im ersten Finale warb der zur Unkenntlichkeit verunstaltete Ferrando um seine Braut, bis Despina, mehrere Arien später, mit energischem Schubs das Spiel auf die Spitze trieb: Ab jetzt gilt's über Kreuz.</P><P>Ein hübscher Blick auf Mozarts kniffligstes Opus. Aber damit wären die Vorzüge dieser "Così` fan tutte" am Münchner Gärtnerplatz auch schon erschöpfend aufgelistet. Dass sich ein Opernfremdling wie Schölch am großen Theaterapparat und am heiklen Stück verhebt, das Commedia-Unbeschwertheit vorgaukelt, während junges Glück gleich vierfach zerbricht, das passiert leicht _ und hätte dem Haus eine Warnung sein sollen: Kollegin Doris Dörrie, die "Così`" in Berlin vergeigte, saß als prominenter Beweis im Parkett, Reihe sechs. Doch ein wenig mehr hat man sich von Jochen Schölch, dem Hochbegabten, der an seinem Freimanner Metropol Kultiges bescherte, schon erhofft.</P><P>Immerhin: Die Geschichte wurde einigermaßen geradlinig erzählt. Woran der Abend krankte, waren handwerkliche Mängel, war die Hilflosigkeit, durch die viele Szenen verkrampften. Das andauernde Wirbeln der Drehbühne, das Vertrauen auf gut abgehangene Gags (Wie baue ich einen Liegestuhl zusammen?), die Flucht ins aufgekratzt Komödienhafte, die ständige, ablenkende "Illustration" von Arien: Bei Schölch wirkten die Personen meist zwanghaft beschäftigt statt logisch geführt. Die tiefgreifenden, im Grunde lebensbedrohlichen Konflikte: verdrängt, ausgeblendet zu Gunsten einer nur stellenweise getrübten, oberflächlichen Munterkeit.</P><P>Freie Bahn also für routinierte Sänger, die ihr Darstellerpotenzial kaum kanalisiert ausleben durften. Für Marianne Larsen etwa, deren Despina zur bizarr-fidelen Sexy-Hexi in Schlangenlederstiefeln geriet und die sich auf die Wandlungsfähigkeit ihrer in Musicals erprobten Stimme verließ. Oder für Thomas Gazheli, dessen grimmiger Alfonso _ die einzig akzeptable Ausstattungsidee _ Murnaus "Nosferatu"-Klassiker entstiegen schien, der mit kernigem Bariton und starker Präsenz punktete, auch wenn seine manierierte Artikulation Geschmacksache bleibt.</P><P>Ob am Gärtnerplatz in diesen Wochen sämtliche Spiegel verhängt wurden? Die schaudervollen, luftschlangigen Perücken, die ballonhaft-starren Kleiderwürste, die Herren als Buschmänner in Schlumpfblau (Letzteres ist von "Acis und Galatea" am Cuvillié´stheater abgekupfert) legen jedenfalls den Verdacht nahe. Und provozieren eine Diskussion darüber, ob sich Sänger eigentlich alles gefallen lassen müssen. Andrea Fissers Textilien also: ein Kostüm-Totalschaden. Eberhard Kürns Holzgestell offenbart zwar solides Schreinerhandwerk, bietet aber einen unmotivierten, oft hinderlichen Schauplatz fürs Stück, der den Zuschauer von leer geräumten Bühnen träumen lässt.</P><P>Und wieder, wie oft an diesem Haus, öffnete sich die Schere zwischen Regie und Musik sperrangelweit. David Stahl unterliefen zwar in der Ouvertüre und manchen Arien klebrige Sicherheitstempi, in den Duetten entfaltete er mit dem ausgewogen musizierenden Orchester duftige Lyrismen, kurbelte die Ensembles auf hochtourige Dramatik und blieb stets aufmerksamer Begleiter.</P><P>Dass die "Così`"-Nummern zu den härtesten Mozart-Nüssen gehören, merkte man diesen exzellenten Solisten kaum an: Sandra Moon (Fiordiligi) sang dank ihres ausgeglichenen, geschmackvoll geführten Soprans eine fast perfekte "Felsenarie", Alexandra Petersamer, als Dorabella am natürlichsten und glaubhaftesten agierend, nahm mit farb- und substanzreichem, sehr fraulichem Mezzo-Klang gefangen _ auf ihre Charlotte ("Werther", die Juli-Premiere am Gärtnerplatz) darf man gespannt sein.</P><P>Gary L. Martin blieb als Guglielmo wohltuend zurückhaltend, stimmte seinen angerauten Bariton auf stilsicheren Mozartton. Ein viel versprechender Neuzugang: Thomas Cooley (Ferrando) in seiner ersten großen Opernrolle, der noch darstellerische Kraft gewinnen wird, der indes mit exquisitem Timbre und hochsensibler, intelligenter Phrasierung an große Vorbilder heranreichte. Heftiger, Gärtnerplatz-üblicher Premierenbeifall, wiewohl das Haus aus seiner szenischen Mozart-Misere ("Don Giovanni", "Zauberflöte", "Entführung") nicht herausfindet. Ein Jammer _ bei diesem idealen Ensemble.</P><P><BR> </P>

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