Allein: Was soll's

- Eine einzige Frage blieb, die interessierte: Was wohl passiert, wenn sich der Regisseur erstmals vor dem Vorhang zeigt? Denn während die Nornen noch "Weißt du, wie das wird?" raunten, war dem Festspiel-Gast schon längst alles klar. Und als auch die neue Bayreuther "Götterdämmerung" wenig mehr als ein 0:0 nach Elfmeterschießen bot, entlud sich der Zorn: heftige Buhs und Pfiffe für Regisseur Tankred Dorst samt Team, einige tapfere Bravos, ganz vorn sogar Standing Ovations - von zwei, drei Personen bestritten.

Gesten aus dem Repertoire des Verkehrspolizisten

Dass Dorsts "Ring des Nibelungen" schlicht langweile, dieser Vorwurf greift ja zu kurz. Denn vor allem für die "Götterdämmerung" fuhren er und Ursula Ehler gleich eine Palette Symbolhaftes auf: die Verortung der Gibichungen im dekadenten italienischen Faschismus etwa, eine Hotelhalle, die auf die Villa D'Annunzios anspielt (eines von Dorsts Schriftstellerthemen), Zeichenhaftes wie ein stolzierender Hahn und ein geopferter Widdermensch. Dazu ein Liebespärchen, das in Gegenwart der Sagenfiguren turtelt und der schon aus dem "Rheingold" bekannte Fotograf.

Allein: Was soll's? Dorst zielt zwar unverdrossen auf den Zusammenprall von Göttern und gottloser Realität. Doch die 30er-Jahre-Ästhetik verwischt alles: Welche Wirklichkeit ist eigentlich gemeint? Dass in dieser "Ring"-Lethargie solche seltenen Regie-Einfälle dankbar begrüßt werden, ist ja ein zweifelhaftes Lob - vor allem dann, wenn sie dem Nachdenken nicht standhalten. Dass Siegfried zum Beispiel in Gunthers Gestalt Brünnhilde heimsucht, dann aber - von der Entsetzten unbemerkt und von Wagner abweichend - doch den Blutsbruder zur Vergewaltigung schickt, verkleinert einen entscheidenden Moment der "Götterdämmerung".

Vom "Rheingold" bis zum letzten Tag blieb dieser "Ring" also bedrückend konsequent: gedanklich leidlich unterfüttert, vom Grundkonzept sogar einleuchtend, handwerklich allerdings indiskutabel. Frank Philipp Schlößmanns Szenerien setzten imponierende Zeichen, wirkten aber wie Bilderrahmen ohne Inhalt. Und als sich zu Beginn die Nornen nicht aufs Seilwerfen, sondern auf eine Art Fliegenfangen beschränkten und am Ende beim Weltenbrand eine befrackte und beklunkerte Gesellschaft aus dem Hotel floh, um zu den letzten Takten unnütz wieder aufzutauchen, da sehnte man sich sogar nach Dorsts Bayreuther Vorgänger Jürgen Flimm zurück.

Denn diese Neuinszenierung bietet keinen dritten Weg zwischen Sage und Sozialdrama, fällt vielmehr weit hinter die früheren "Ringe" zurück, ignoriert auch, auf welchem Erkenntnis- und Regie-Niveau andere Häuser den 15-Stünder spielen. Manche Sänger retteten sich mit Bühneninstinkt, anderen blieb nur Museales: Linda Watson gab die sich üppig entladende Klangsäule, zeigte eine Klischee-Brünnhilde mit Gesten aus dem Repertoire des Verkehrspolizisten. Und stimmlich wurde man mit ihrem mächtigen, nie ermüdenden, aber doch zu wenig konturierten und diktionsarmen Sopran nicht recht froh. Auch Stephen Gould enttäuschte die Erwartungen: Siegfrieds täppisch-naiver Charme ist bei ihm gut aufgehoben, die vokale Seite weniger. Goulds Stimme wirkte zwar freier als im "Siegfried", hat aber zu wenig Glanz und Kern, trug dadurch nicht "automatisch", musste vielmehr oft unter Krafteinsatz zum Klingen gebracht werden.

Hans-Peter König verblüffte mit seinen Mannen-Rufen: Sein Bass ist nicht unbedingt von Hagen-typischer Schwärze, kann aber sehr flexibel geführt werden, entwickelt auch, wenn's darauf ankommt, enorme Projektionskraft: Merkwürdig, dass dieser phänomenale Solist erst heuer in Bayreuth debütieren durfte. Der intelligente Gestalter Alexander Marco-Buhrmester wäre, wenn Regie ihn forderte, ein idealer Gunther. Mihoko Fujimura (Waltraute) wirkte angestrengter als bei den Erda-Einsätzen zuvor, Gabriele Fontana (Gutrune) schlicht ausgesungen.

Keine optimalen Rahmenbedingungen also für Christian Thielemanns ersten Bayreuther "Ring". Dass er sich mit dem Festspielorchester nicht beirren ließ, dass ihm vielmehr eine Interpretation gelang, an der sich fortan jeder Dirigent messen lassen muss, war das eigentliche Ereignis dieser Premierenwoche. Erwartet hätte man vielleicht saftige Deutschromantik, Thielemann und das Orchester faszinierten mit dem Gegenteil: ein behutsames Anfassen und Abwägen der Musik. Ein traumwandlerisches Gespür für substanzreiche, nie hohle Dramatik. Und ein austariertes Klangbild, das Raum für Details gab. Sogar im gewaltigen Trauermarsch, in dem Thielemann die Lautstärke immer wieder zurücknahm und plötzlich Holzbläsermomente auftauchten, die man gar nicht vermutet hätte.

Proteste zielten auch auf die Festspielleitung

Dass Thielemann an "schönen" Stellen gern innehielt, sie - hörbar begeistert von Wagners Partitur - auskostete, gibt dieser Interpretation überdies eine sympathische Note. Im "Rheingold" mochte das noch den Verlauf zu sehr stauen, später, besonders in der "Götterdämmerung", fand Thielemann die perfekte Balance zwischen Verweilen und dramatischem Voranschreiten.

Ovationen, als er sich immer wieder allein, später auch mit dem Orchester zeigte. Die Buhs für Dorst zielten wohl nicht nur auf den Regisseur, sondern auch auf die Festspielleitung. Denn der Plan, diesen "Ring" nach der Absage Lars von Triers durch einen Fachfremden "retten" zu lassen, erwies sich erwartungsgemäß als absurd. Und: Tankred Dorst, unfähig zur Selbsteinschätzung, hat seinen Ruf als Künstler beschädigt. Eigentlich ein tragisches Ergebnis dieser vier Premieren.

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