Allein auf weiter Flur

- Berlin, ein paar Schritte entfernt vom quirligen Theodor-Heuss-Platz. Ein großzügiges Haus, still und überwachsen von Bäumen. Seit Jahrzehnten lebt hier ein Künstler, ohne den die Interpretationsgeschichte anders verlaufen wäre. Ohne den der Liedgesang nicht die entscheidenden Impulse bekommen hätte. Der auch Opernpartien von Mozart über Wagner bis zur Moderne mit einzigartiger Stimme adelte. Am kommenden Samstag feiert Dietrich Fischer-Dieskau 80. Geburtstag, im Vorfeld gewährte er ein Interview in seinem Berliner Domizil.

<P>Ein arrivierter Solist klagte neulich, wenn er Lieder singen wolle, dann seien nur Schuberts "Winterreise" oder "Die schöne Müllerin" gefragt. Hat sich da etwas verändert? Muss man wieder einmal ums Lied fürchten?<BR><BR>Fischer-Dieskau: Da hat sich leider alles wieder zurückgebildet. Und kein Mensch kann daran etwas ändern. Sänger wie Elisabeth Schwarzkopf und ich haben früher eine Art Front gebildet, auch mit neuer Programmpolitik. Heute ist ein Bequemlichkeitsdrang des Publikums und der Veranstalter festzustellen. Man hält sich lieber an das früher Bewährte. Eigentlich sind das Vorkriegszustände.<BR><BR>Hatten Sie es leichter?<BR><BR>Fischer-Dieskau: Es war für mich als Anfänger viel leichter als für einen jungen Sänger heute, denn ich war allein auf weiter Flur. Die paar alten Liedersänger, die es seinerzeit gab, waren gewissermaßen in den letzten Zügen.<BR><BR>Und wie holt man das Publikum aus der Bequemlichkeit heraus?<BR><BR>Fischer-Dieskau: Mein Ziel war es, das Publikum zur Kooperation zu zwingen. Eine Grundvoraussetzung für seriöses Musikhören. Alles andere ist unwesentlicher Genuss, ein Vorbeiziehen von Geräuschkulissen. Und Erscheinungen wie die Eventkultur sind nur dazu angetan, diese negative Entwicklung zu verstärken. Ideal wäre es, wenn das Publikum in der Lage wäre, sich von den ersten Takten an auf etwas wirklich einzustellen. Nicht nur Textworte zu verstehen, sondern auch Musikworte.<BR><BR>Sie glauben nicht, dass ein paar Fans der Eventkultur für die "Ernste Musik" gewonnen werden können?<BR><BR>Fischer-Dieskau: Viele Künstler erlauben sich seltsame Späße wie die "Winterreise" im Boxring, und dann noch von einer Frau gesungen. Oder getanzter Gustav Mahler. Da stecken schon begabte Leute dahinter. Aber letztlich sind das Verrücktheiten, Verzweiflungstaten, weil ihnen nichts mehr einfällt. Weil sie denken, es sei nichts mehr in der Schublade, was für sie übrig bliebe.<BR><BR>Vielleicht entwickeln wir uns ja in eine neue Barockgesellschaft, zur höfischen Tradition, wo Kunst als Rank- und Beiwerk galt.<BR><BR>Fischer-Dieskau: Ich glaube nur, dass man in den höfischen Kreisen damals mit mehr Vorbildung rechnen konnte. Die machten zum großen Teil selbst Musik. Und das ist überhaupt die unabdingbare Voraussetzung dafür, Musik richtig zu hören, sollte dieses Musikausüben auch in dilettantischster Form erfolgen.<BR><BR>Wie weit darf man dem Publikum entgegen gehen? Oder reicht es, mit verschränkten Armen dazusitzen und zu sagen: "Es ist gut, was wir machen - kommt zu uns."<BR><BR>Fischer-Dieskau: Es geht nicht darum, was man macht. Die Kompositionen sind halt gut. Ich würde ja für ein Programm nicht auswählen, was ausgesprochen schlecht oder erfolgswidrig wäre. Wenn ich weiß, dass vier Goethe-Lieder von Busoni gut sind, dann singe ich sie. Auch wenn erst mal alle die Augenbrauen hochziehen. Ich habe schließlich auch bei zeitgenössischer Musik Überzeugungsarbeit geleistet.<BR><BR>Das Musikleben hat sich zur Interpreten-Wahrnehmung gewandelt. Man will Beethovens Fünfte mal von dem, mal vom anderen hören. Aber ist das so schlecht? Das heißt doch, man interessiert sich immerhin für Feinheiten.<BR><BR>Fischer-Dieskau: Könnte man denken. Darum geht es aber nur geschätzten fünf Prozent des Publikums. Ganz grundsätzlich: Wichtig ist der momentane Überzeugungseffekt. Furtwängler hat das die Liebesgemeinschaft zwischen Publikum und Interpret genannt.<BR><BR>Auch Sie haben Bekanntes immer wieder vorgelegt, wenn man etwa Ihre Aufnahmen der "Winterreise" bedenkt.<BR><BR>Fischer-Dieskau: Hier ging es darum, alle Aspekte der "Winterreise" überhaupt zu erfassen. Das ist in einer Darbietung nicht möglich, aber auch nicht in neun oder zwölf. Es ist ein stetes Umkreisen. Es gibt massenhaft Stücke, auch auf der Opernbühne, die genügend Raum für sinnvolle Deutungen böten, ohne dass man in eine epigonale, langweilige Inszenierung verfallen müsste.<BR><BR>Ist das ewige Umkreisen auch frustrierend? Weil man letztlich nie den Kern erfasst?<BR><BR>Fischer-Dieskau: Nein. Das macht nichts. Sjatoslav Richter hat mir einmal gesagt, er spiele nur das, wonach er hangeln muss. Das Bemühen um etwas, was man nicht ganz verstanden hat, das hat sich bei der "Winterreise" immer eingestellt. 50 Jahre lang. Am Anfang tastend, falsche Tempi und Larmoyanzen anschlagend, später ein Wegschleifen, auch ein Hinzufügen.<BR><BR>In Ihrer Autobiografie schreiben Sie, sie hätten die Karriere "vergottet".<BR><BR>Fischer-Dieskau: Natürlich! Welcher junge Mensch hat denn nicht diesen unglaublichen Trieb in sich? Erfolg, Weiterkommen, neues Repertoire, das alles spielt eine Riesenrolle. Besonders Widerhall im Publikum. Es ist ein unglaubliches Glücksgefühl, wenn man merkt, dass aus einem nervösen, auseinander strebenden Haufen von Menschen plötzlich ein Ganzes geworden ist.<BR><BR>Hat das mit Macht zu tun? Macht, die verführt?<BR><BR>Fischer-Dieskau: Selbstverständlich. Sie sollte aber nicht dazu verführen, Musik interessanter machen zu wollen, als sie ohnehin schon ist. Horowitz ist da ein gutes Beispiel.<BR><BR>Welche Rolle spielt in solchen Situationen Spontaneität? Wie "ungeplant" reagierten Sie in Konzerten auf das Publikum?<BR><BR>Fischer-Dieskau: Das müssten sich Kabarettisten oder Burgschauspieler vorbehalten. Wir sind doch an unsere Fähnchen und Notenköpfe gebunden und können daran nichts ändern. Es gibt einen bestimmten Zeitablauf, und was wir darin anstellen, sollte sich doch in stilistischen Grenzen halten.<BR><BR>Was war Singen für Sie? Obsession? Beruf? Berufung? Karriere?<BR><BR>Fischer-Dieskau: Alles zusammen. Obsession sowieso, ohne die geht es nicht. Wenn man nicht bereit ist, vom Scheitel bis zur Sohle einzusteigen, kann man es gleich lassen. Wenn Schüler vor mir stehen, die eine Art Jalousie vor sich haben und keine Ausstrahlung zulassen, dann sage ich: Vorsicht, das kann man nicht lernen.<BR><BR>"Es gab ein mächtiges Verlangen, als ein besonderer zu leben", meinten Sie über Ihre Anfängerjahre. Hat sich das gewandelt?<BR><BR>Fischer-Dieskau: Ich würde jetzt nicht "Verlangen", sondern "Notwendigkeit" sagen. Sie müssen sich abschirmen und auf sehr viel verzichten. Obwohl es eigentlich gar kein Verzicht ist, es ergibt sich so. Auch ein Schriftsteller nimmt Einsamkeit gern in Kauf, weil er sie braucht.<BR><BR>Gibt es eine moralische Verpflichtung dazu, seine Kunst auszuüben? Weil sie einem geschenkt wurde?<BR><BR>Fischer-Dieskau: Oh ja. Wir haben ein Pfund, mit dem gewuchert werden muss. Ich habe als Kind schon gemerkt, dass die Stimme kommt, dass man mit ihr etwas ausdrücken kann. So mit sechs, sieben habe ich von morgens bis abends gesungen. Bis ich die Kontrolle über mein Organ hatte, und zwar instinktiv. Das würde ich auch jedem anderen raten. Dadurch ergibt sich zudem ein nicht fühlbarer Stimmbruch, ein anderer physischer Verlauf der Pubertät. Mein Hauptanliegen als Lehrer ist es, zur Selbstkritik zu erziehen. Dazu, dass man sich nicht nur wohlgefällig zuhört.<BR><BR>Wie würden Sie also die Rolle des Interpreten definieren?<BR><BR>Fischer-Dieskau: Unser Ziel ist es, Menschen zu fesseln. Wir müssen die Musiksprache so handhaben, dass sie nicht nur für sich besteht, sondern dass ihre Fühler ins Publikum ausgreifen und die Menschen zum Mitleben zwingen.<BR><BR>Was bei den vielen Äußerlichkeiten, auch auf der Opernbühne mit ihren modischen szenischen Krücken, schwierig wird.<BR><BR>Fischer-Dieskau: Das sind nicht nur Krücken, es handelt sich um Sinnfremdes. Da kommen Sachen nach vorn und beherrschen das Bild, die nichts mit dem Werk zu tun haben. Die Regisseure nehmen sich zu ernst. Seit Max Reinhardt drängen sie sich auf ungebührliche Art in den Vordergrund und schauen zu, dass sie auffallen. Und das ist das Umgekehrte von dem, was wir tun.<BR><BR>"Das Beste an Feierlichkeiten ist, dass sie vorbei gehen": Dann müssten Sie gerade in keiner besonders überschwänglichen Stimmung sein.<BR><BR>Fischer-Dieskau: Schrecklich. 80 ist eine grauenvolle Zahl. Ein großer Gong, der anzeigt: Dies ist die letzte Station. Noch ein paar Jährchen, dann ist die Sache vorbei. Ich versuche, es zu ignorieren. Ich habe eigentlich mein Alter nie zur Kenntnis genommen. Und ich lag auch biologisch, wie ich glaube, immer mindestens zehn Jahre drunter.<BR><BR>Was machen Sie denn am 80.? Eine riesige Feier?<BR><BR>Fischer-Dieskau: Nein. Alle großen Feiern habe ich, bedingt durch meinen Sturz neulich, erst einmal abgesagt. Ich werde hier zu Hause ein paar Freunde empfangen. Und selbst da ist es so, dass ich am liebsten verschwände. Nach Italien vielleicht. Ich denke immer an Dvorák. Der wurde 60, ganz Prag war voller Menschen. Und als er im Triumphzug durch die Stadt fahren sollte, war er nicht da.<BR><BR>Und warum tun Sie's ihm nicht gleich?<BR><BR>Fischer-Dieskau (lacht): Ach ja, ich freue mich doch auf meine Freunde!</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel<BR></P>

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