Alleinsein mit dem Tod

- "Ich frage mich, wer diesen Text geschrieben hat", staunt Christoph Kloeble, was überheblich klingt, aber bescheidener gemeint ist. Der Münchner, Student des Leipziger Literaturinstituts, hat gerade sein Stück "Wenn möglich bitte wenden" auf der Bühne gesehen, das Sandra Schüddekopf beim "Wochenende der jungen Dramatiker" an den Münchner Kammerspielen fein säuberlich und solide inszeniert hat. Ein Mann hat seine Frau durch einen Unfall verloren. Getrieben von seinem schlechten Gewissen wegen einer Affäre, macht er sich auf den Weg zu einem rätselhaften Ort in Polen, wohin auch seine Frau bei ihrer Todesfahrt unterwegs war, und begegnet dort ihrer Vergangenheit.

Wenn Worte Bilder auf der Bühne erzeugen

Kloeble ist nach der Aufführung beeindruckt von den Bildern, die seine Worte auf der Bühne erzeugt haben, muss aber nun ein Stück verteidigen, das durch Schauspieler und Regie bereits ein anderes geworden ist. Nicht umsonst betont Christian Stückl, Intendant des Münchner Volkstheaters und Pate des Dramas, dass er bestimmte Motive und den Horror beim Lesen viel stärker empfunden habe. Doch er übt auch am Autor Kritik: Zu offen ist ihm, was der Protagonist gefunden, ja was er je gesucht hat.

Sich solch professionellen Einwänden zu stellen, erfordert von den sechs Nachwuchsautoren vielleicht nicht mehr Mut, als zuvor den eigenen Text fremden Händen anzuvertrauen. So litt etwa "Das Wetter" der Engländerin Clare Pollard unter der hohen Temperatur der Inszenierung von Tobias Bühlmann: Die gut gearbeiteten Dialoge eines Familienzwists bersten in hitzigem Geschrei, verformen die zarten Figuren zu bizarren Monstern. In leiserer Manier sei ihr Stück in England uraufgeführt worden, erzählte die Autorin. Je stärker die skizzenhaften Inszenierungen, die in nur einer Woche Produktionszeit entstehen, szenische Lesung bleiben, desto mehr ist den Nachwuchsautoren damit gedient. Struktur und Sprache ihrer Stücke werden nicht in diesem frühen Stadium vom Ausdruckswillen eines Regisseurs erdrückt, zumal es um Autoren gehen soll, die ihre Dramen zum ersten Mal erleben, die es auch zu entdecken gilt.

Melanie Peter ist so eine Entdeckung. Ihr glänzend geschriebener Monolog "Boden.Haltung" profitierte sehr von Victoria Mayers Darstellung und der zurückhaltenden Inszenierung Christiane J. Schneiders, der es gelang, dieser politisch gefärbten deutsch-deutschen Jugendliebe eine eigene Deutung zu geben und dennoch andere Möglichkeiten aufblitzen zu lassen. Ähnlich gut erging es Juliane Kanns "Blutige Heimat". Hier mischt sich ein Kunstdialekt mit Verssprache. In der szenischen Lesung von Esther Hattenbach darf sich diese verschrobene Sprache erst einmal entfalten. Konkreter wurde es in Letizia Russos Kriegsdrama "Hundegrab", das Christiane Pohle in einem Lastenaufzug spielen ließ. Hier half die Unwirtlichkeit des Spielorts. Während Simone Kuchers "Silent Song", jedenfalls in Johannes von Matuschkas Inszenierung, mit seinen nach Hoffnung und Trost gierenden Terroropfern doch sehr im Ungefähren und in sprachlichen Versatzstücken hängen blieb.

Zufall oder nicht: Alleinsein und Tod, Alleinsein mit dem Tod oder Tod durch Alleinsein waren die Themen des Wochenendes. Für seine Abschlussdiskussion hätte man sich, zugunsten auch der Autoren, stärkere Fachurteile gewünscht. Doch der Theologe Friedrich Wilhelm Graf wich auf Geplänkel aus und jetzt.de-Chef Dirk von Gehlen gestand, dass er nie ins Theater geht. Nur Florian Gallenberger zeigte konkrete Probleme der Texte auf, wobei klar wurde, dass Theater- und Filmdramaturgie doch etwas Unterschiedliches sind.

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