Allerlei Handgreiflichkeiten

- "Conviciu facio": Aufdringlich streckt sich der Mittelfinger hervor aus seinen gekrümmten Brüdern. "Verachtungs-Gestus" erklärt die Ausstellungsbeschriftung und bezieht sich dabei auf John Bulwers Chirogramm-Tafel, die 1644 die "Chirologia - die natürlichen Gesten der Hand" von A bis Z auch optisch auflistet. So ganz "natürlich" sind diese Zeigeformen aber doch nicht, auch wenn wir heute den schlimmen Finger noch sehr gut kennen; andere Gesten sind uns fremd, deren Sinn wurde vergessen. Die Residenzgalerie Salzburg, die seit Jahren durch anregende Ideen überzeugt, hat in einer klugen Präsentation ein spannendes Kapitel der Kunstgeschichte beackert: "Beredte Hände - Die Bedeutung von Gesten in der Kunst des 16. Jahrhunderts bis zur Gegenwart".

<P>Da dräuen düstere Greifer</P><P>Mit der beginnt der Rundgang durch die Schau. Hände und Fingerfächer werden zum Beispiel bei Linda Christanell zu Mitspielern einer Performance, erinnern an Schwimm- oder Flughäute. Ketty La Rocca stilisiert sie zu gewissermaßen topografischen Forschungs-Gefilden. Der Zeichenstift fährt Fotokonturen ab und sucht nach "You, You". Aber auch die ferne Vergangenheit hat Kuratorin Gabriele Groschner bei ihrem Konzept nicht vergessen. Denn die Hand, so zeigt die Exposition, war seit Jahrtausenden etwas Besonderes, nicht nur als hochspezialisierter Körperteil - ihr wohnt sogar Magie inne. Kastagnetten in Handform (7./6. Jh. v. Chr.) wurden in Altägypten beim kultischen Tanz eingesetzt, und den Nacken legte man bei der Kopfstütze aus dem Neuen Reich (15./14. Jh. v. Chr) beruhigt in runde Handflächen. Rührend und uns ganz nah das Ehepaar (Gruppenstatue, ca. 1664 v. Chr.), das sich liebevoll an den Händen fasst.<BR><BR>Um Liebe geht es auch bei dem Goldring mit Kameo aus römischer Zeit. Da zupfen die Finger am Ohrläppchen, dem Sitz der Erinnerung, und ermahnen den Herzensschatz. Wesentlich deftiger erotisch greifen die Hände des älteren Rauschebarts auf eine dralle Frau zu. Arendt de Gelders "Juda und Thamar" zeigt barock-drastisch das typische (Sex-)Motiv des Griffs ans Kinn, während das gleiche biblische Thema von einem Maler der Rembrandt-Schule sittsam als eine Art Hochzeitsszene mit sanfter Handhaltung geschildert ist. <BR>Dass Hände etwas sagen, ihre Sprache haben, legt die Ausstellung dar, aber auch dass sie etwas tun, dass sie oft wie selbstständige Lebewesen dargestellt werden. </P><P>In wundervoller Ruhe und Doppeldeutigkeit dokumentiert dies Inge Moraths Foto von Louise Bourgeois in ihrem New Yorker Atelier (1991). In Draufsicht ist ein grob behauener Steinblock zu erkennen, auf dem im Zentrum Marmorhände liegen, sich in schöner Gelassenheit berührend. Am Rand, dunkel, mager, von dicken Adern durchzogen die Hände derer, die die Skulptur geschaffen hat. Die Hände stehen stellvertretend für die Künstlerin, werden zum Sinnbild des Schöpferischen an sich. Auch Käthe Kollwitz symbolisiert die Geste, aber als aktiven Handlungsträger und zugleich als psychologisches Signal. In der Radierung "Losbruch" aus der "Bauernkrieg"-Serie (1902) rast das Volk los wie ein tosender Fluss. Diese dynamische Waagerechte kreuzt in der Senkrechte eine Frau, die die Arme erhebt - im Aufbegehren, im Erschrecken, im Anfeuern. Solch eine Expressivität nutzte natürlich insbesondere der Stummfilm, der im Residenzmuseum auch zu seinem Recht kommt: Da dräuen düstere Greifer im "Kabinett des Dr. Caligari" von Robert Wiene, und allein der Titel "Olacs Hände" (auch Wiene) sagt schon alles.</P><P>Besser Sprechen mit Fingern</P><P>Nach all den Handgreiflichkeiten von Altägypten bis hin zum Leibl'schen Realismus, Munch'schen Symbolismus oder zur Brus'schen Autoaggression verweilt die Schau im 16. Jahrhundert. Schließlich legte das einen regelrechten Gesten-Kanon vor. Diese Bedeutungsebene wird Bild für Bild sorgfältig aufgeschlüsselt, sodass auch unsereins die alte Sprache der Hände versteht. Wenn zum Beispiel Martha bei Simon Vouet mit perfekt rhetorischem Fingerspiel ihrer Schwester erklärt, dass aller Tand eitel ist: Und schon beginnt diese, ihren Haarschmuck abzulegen. Da sage noch einer, man soll die Hände schön ruhig halten.</P><P>Bis 1. November, täglich außer Montag 10-17 Uhr; bis 5. September auch montags offen; Katalog: 15 Euro; Tel. 0043/ 662/ 84 04 510.<BR><BR></P>

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