Alles im Angebot

- Der gepflegte Herr wählte in den 60er-Jahren "Kennedy", heutzutage ist eher "Tokyo Joe" angesagt. Wer in Afrika zum Frisör geht, sieht schon auf einer Tafel, welche Wahlmöglichkeiten ihm geboten werden, bis hin zum Schnitt der Koteletten. Gemalte Reklameschilder signalisieren dem Interessenten klar, praktisch und witzig das Angebot.

<P>Der Schneider macht nicht nur Kleider, er bügelt auch noch gründlich; der Automechaniker rettet das schlimmste Wrack, das wie mit aufgerissenen Därmen daliegt; und der Heiler nimmt's sowieso mit allen und allem auf, ob mit einem Dämon, ob mit einem Tripper. 1960, 2002 - egal, Menschen müssen überzeugt werden zu kaufen, Dienste in Anspruch zu nehmen, müssen aber auch Träume eingeimpft bekommen: von schönen Bädern, dicken Autos oder tollen Reisen.</P><P>Die Ausstellung "Try Me! Afrikanische Reklamekunst" gibt nicht nur einen Eindruck von der Werbung zwischen Burkina Faso und Togo, sondern spiegelt auch verfremdet unsere eigenen Konsum-Gewohnheiten. Die sehen wir durch diese Schau plötzlich ganz neu. Tobias Wendl vom Bayreuther Iwalewa-Haus, der das Konzept entwickelt hat, setzt auf eine "reklamearchäologische" Sichtweise. Er gräbt sozusagen bis zum Kolonialismus (Seife wäscht den Schwarzen weiß). Wirkliche Schubkraft gab der afrikanischen Werbung aber die extreme Stadtentwicklung. In den 50er-Jahren brach dann das "Goldene Zeitalter" der Schildermaler an, das im Stadtmuseum prächtig dokumentiert ist.</P><P>Daneben eindrucksvolle Großobjekte, etwa der Waren-Altar für Mami-Wata (Meerjungfrau) aus Togo, eine Schlafzimmereinrichtung im Limousinen-Design inklusive Scheinwerfer und Mercedesstern (Nigeria) sowie die berühmten Särge aus Ghana. Man lässt sich in Symbol-Truhen beerdigen, die mit dem eigenen Leben zu tun haben. Brandaktuell im Angebot: Handys. In der Schau sind ein Golfschuh, eine Bierflasche und ein Mehlsack zu sehen. Neben solchen "Spitzenleistungen" gibt es natürlich Etiketten, Wandmalereien, TV-Werbung, aber auch das nachdenkliche Hinterfragen der Besitz-Träume von Künstlern. Diese kritische Linie wird Kurator Wendl mit den Afrika-Ausstellungen über Horror, "African Screems", und Städte, "Afropolis", fortführen.</P><P>Bis 29. Juni, Tel. 089/233-223 70. Infos zum Begleitprogramm: www.stadtmuseum-online.de. Katalog: 24 Euro.<BR><BR></P>

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