Alles für Hitlers V2

München - Das Dorf Zipf in Oberösterreich mag man vielleicht durch das Zipfer-Bier kennen. Dass eben jene Brauerei, aus der es stammt, 1943 zur Außenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen wurde und über 2000 Häftlinge die tiefen Bierkeller zum Versuchslabor für die V2-Rakete ausbauen mussten, weiß man weniger, teilweise nicht einmal in Österreich.

Wolfsegg: Das österreichische Theater Hausruck lädt ein zu "Z!pf oder Die dunkle Seite des Mondes"

Noch vor 20 Jahren hätten Leute behauptet, es habe da kein KZ gegeben, erzählt Chris Müller, Intendant des Theaters Hausruck. Er und seine Truppe haben die Geschichte des Ortes recherchiert - und nicht nur diese. Der Autor Franzobel hat darüber ein Stück für sie geschrieben - nicht das erste. Für die Vorgängerproduktion "hunt oder Der totale Februar" über den österreichischen Bürgerkrieg 1934 erhielten der Autor und das Ensemble 2005 zwei Nestroy-Preise. Nach seiner Uraufführung 2007 wird nun das zweite Stück "Z!pf oder Die dunkle Seite des Mondes" wiederaufgenommen. Und weil Bayern von dem dicht bewaldeten Hausruckviertel (bei Vöcklabruck, Oberösterreich) nicht weit entfernt ist, rührt das Theater heuer auch hierzulande die Werbetrommel.

Gespielt wird in einer 20 Meter aufragenden Industrieruine, einem sogenannten Kohlebrecher einer ehemaligen Grube bei Wolfsegg. Eben jenem Wolfsegg übrigens, das Thomas Bernhard in seinem Roman "Die Auslöschung" beschreibt. Mit dem unbequemen Österreicher gemeinsam hat dieses Theater, dass es verdrängte, unrühmliche Geschichte aufarbeitet, wenn auch vielleicht etwas liebevoller als jener. Die Initiative ergriff vor einigen Jahren der Verein Theater Hausruck, als er Franzobel mit einem Text beauftragte. Der konnte seinen Freund, den Regisseur Georg Schmiedleitner, für das ungewöhnliche Sommertheater gewinnen. Mit dem Charakterschauspieler Karl Markovics in der Hauptrolle und über 80 Laienschauspielern und -musikern stemmte man das erste Dokumentardrama quasi aus der Grube.

"Skeptisch bis abwartend", beschreibt Schmiedleitner die anfängliche Haltung der Bevölkerung. Dann aber seien Unterstützung und Begeisterung immer größer geworden. Allmählich habe sich auch ein neues Geschichtsbewusstsein gebildet, denn viele Verwandte der heute Mitwirkenden seien 1934 unschuldig umgekommen, als sich Sozialdemokraten und der austrofaschistische Ständestaat aufs Ärgste bekämpften.

Natürlich hatte ein ÖVP-Politiker im Vorfeld der Aufführung davor gewarnt, alte Gräben aufzureißen. Beste Werbung für das junge, mutige Theater Hausruck: "Das wurde zum Medienthema, was schnell geht in Österreich, wenn jemand Zensur nur wittert", erzählt Schmiedleitner.

"Z!pf" nun ist der zweite Teil der Hausrucker Geschichts-Trilogie. Man muss sich vorstellen, dass 1943 alle Häuser des Dorfes zur Tarnung der V2-Versuchsanlage sowie der Filiale einer NS-Falschgelddruckerei schwarz angestrichen wurden. Unter menschenverachtenden Bedingungen mussten Zwangsarbeiter das Stollen- und Bunkersystem unterhalb der Brauerei erweitern. Die Einwohner waren gespalten. Völlig verblendet, begeisterte sich auch die Tochter eines Raketenpioniers für die Versuche, verliebte sich in den Braumeister und kam bei einer Explosion um.

Von alledem erzählt Franzobels Stück auf der Grundlage von Zeitzeugenberichten und Recherchen. Martin Semmelrogge übrigens gibt den Lagerkommandanten, "einen kunstbeflissenen Piefke, der gegen seinen Willen in die miefigste Provinz versetzt wird". Schon immer habe er Mephisto spielen wollen, jetzt sei es eben ein NS-Mephisto geworden, sagt Semmelrogge, der vor allem die Authentizität des Stückes schätzt.

Bis 10. August,

Telefon 0043/ 76 76/ 63 15. www.theaterhausruck.at

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
München - Wer das Wort „fantastisch“ im Namen führt und auszieht, sein Best-of unters Volk zu bringen, der hängt die Messlatte hoch. Die Fantastischen Vier erfüllen den …
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“

Kommentare