Alles Liebe oder was ?

- "Ist irgendwas los?" "Nein, nichts ist los." So ein Dialog des Ehepaars Richard und Corinne. Und damit wäre eigentlich auch schon alles gesagt zu Stück und Aufführung, zur ersten Premiere der neuen Saison am Bayerischen Staatsschauspiel. Wenn dieses "nichts ist los" nicht 100 Minuten lang sein Publikum ganz gut unterhalten würde. Im Münchner Cuvilliéstheater inszenierte Antoine Uitdehaag das Beziehungsstück "Auf dem Land" des Briten Martin Crimp (46).

<P>Ein geschickt geschriebenes, sprachlich gewitztes Werk, das sich clever der großen Literatur (Vergil), der Mythen und Märchen bedient, das alles, was an zwischenmenschlichen Krisen heutzutage auf dem Markt ist, gekonnt einbaut und aktuelle Probleme wie Drogenkonsum nicht auslässt. Es lebenslügt und strindbergt munter vor sich hin und variiert einmal mehr das Thema Liebe oder das, was dafür gehalten wird. </P><P>Ein Stück wie aus dem Versatzkasten, verfasst für den täglichen (Theater-)Gebrauch. Daher werden Darsteller gebraucht, die es über den Boulevard-, Kintopp- oder TV-Anspruch hinausheben, um die Aufführung an Dieter Dorns hochsubventionierter Edelbühne zu legitimieren. Und dafür ist das Staatsschauspiel bekanntermaßen eine gute Adresse. <BR><BR>"Wie soll ich dir sagen, was ich nicht sagen kann?" Richard <BR><BR>Stefan Hunstein und Barbara Melzl als Richard und Corinne sind ein spannendes Paar. Wie sie sich an die Wahrheit heranlügen; wie sie sich gegenseitig mit Blicken taxieren und auf die knappen Sätze, Wiederholungen, Ausweichungen des jeweils anderen reagieren; wie sie hartnäckig ihr Ziel behaupten, auf dem Land glücklich sein zu wollen und am Ende die Täuschung als gemeinsame Lebensform "installieren" - das spielen sie schon sehr gut. </P><P>Mit einem Rest Geheimnis und mit verzweifelter Komik. Vor allem Barbara Melzl, die wunderbar flirrend, mit aberwitzigsten Gesten, die ins Leere zu greifen scheinen, der traurigen, betrogenen, vielleicht auch selber betrügenden Corinne immer noch eine Art doppelten Boden verpasst. <BR><BR>Dagegen bleibt Eva Gosciejewicz als Geschichtsstudentin Rebecca, die dem Hausherrn durch gemeinsame Liebe nicht nur zum Heroin verbunden ist, an der Oberfläche des Textes. Wenngleich uns der Regisseur einmal auch einen Blick unter ihr Kleid gewährt und die Schauspielerin dazu anhält, sich hier ihre schönste Blöße zu geben. <BR><BR>Antoine Uitdehaag ist als Regisseur eine perfekte Entsprechung zum Autor: gewieft, alle theatralischen Mittel rasch parat, Stück, Schauspieler und Zuschauer glatt bedienend. Doch soll "Auf dem Land" wirklich Großstadtniveau haben, genügt nicht der Glanz des Boulevard. Da hätte es eines Regisseurs des Widerstands bedurft. Tom Schenk entwarf für die Inszenierung einen offenen Bühnenraum, über den er quer eine Mauer aus Kaminholz gezogen hat. Was insgesamt heißen könnte: ein bisschen zu hoch gestapelt. <BR></P>

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