Alles in die Luft gesprengt

- "Die größte Crux der Opernregie ist, dass es wirklich zu wenig gute Regisseure gibt", urteilt Peter Konwitschny (61). "Durch meine Lehrtätigkeit habe ich einen gewissen Überblick. Ich muss sagen, dass die echten Begabungen leider selten sind. Ich unterrichte sehr gern, denn da erfahre ich, wie die Jungen heute die Welt sehen, wie sie denken, wie ihre Sprache ist."

Dass er selbst zu der Rarität der potenten Musiktheaterregisseure zählt, dessen ist sich Konwitschny bewusst. Er ist international gefragt und inszeniert eine Oper nach der anderen. Wer etwas von ihm in München sehen will, muss es jetzt tun. An diesem Sonntag hat im Nationaltheater "Der fliegende Holländer" Premiere; an jenem Ort also, von wo aus vor elf Jahren mit "Parsifal" seine internationale Karriere begann und wo vor acht Jahren mit "Tristan und Isolde" seine Arbeit in München abrupt abbrach.

Sie sind 1998 im Zorn von München geschieden. Sind Sie jetzt als ein anderer wiedergekommen?

Peter Konwitschny: Als ein etwas anderer. Wenn man Enttäuschungen übersteht, ist man danach stärker.

Ihre ersten Arbeiten an der Bayerischen Staatsoper waren Originale. Jetzt kommen Sie mit einer Sache, die für München sozusagen zweiter Aufguss ist. Die Erstinszenierung war bereits in Moskau.

Konwitschny: Ich habe ja schon mehrfach in meinem Leben Remakes gemacht. Nach gründlicher Überprüfung der Sachlage habe ich bei einer zweiten Inszenierung nie gewusst, wie ich es hätte anders machen sollen. In der Feinstruktur gibt es natürlich jeweils Neuerungen, weil ja die Besetzung eine andere ist. Die Details also sind originär. Alle Sänger und der wunderbare Chor sind ja begierig mitzuarbeiten, eine Idee aufzunehmen und umzusetzen. Sodass diese sechs Wochen Proben kein Dressurakt waren.

Am Schluss Ihres "Holländers" setzt das Orchester aus, und die Musik wird über Band eingespielt. Dirigent Adam Fischer hatte sich dagegen gewehrt . . .

Konwitschny: Müssen wir darüber sprechen? Na gut. Also, da hat er sich der Inszenierung untergeordnet. Nach seiner Auffassung muss er die Musik schützen. In seinem Innersten sieht er da so, dass er nicht gutheißen darf, was ich verlange. Doch er ist da gespalten, denn er sagt, dass es ihm unheimlich gefiele. Nur als Dirigent dürfe er mir nicht folgen, eigentlich.

Tut es aber doch?

Konwitschny: Da bin ich sehr froh über Peter Jonas, er hat positiv vermittelt.

Warum muss denn die Musik aussetzen?

Konwitschny: Weil sich alles in mir sträubt, wenn wir mit Sentas Liebestod am Ende wieder so ein braves Frauenopfer haben und die Welt weiter geht wie eh und je. Ich möchte nicht, dass der Holländer unser Mitleid und Verständnis bekommt, sondern dass uns die Frau als Letztes in der Erinnerung haften bleibt. Ich möchte, dass wir uns bewusst machen, in welcher Lage sie sich befindet: Dieser Mann, dieser Holländer war für sie die Erlösung aus der kleinen, engen Welt ihres Vaters. Und nun verlässt der Geliebte sie. Er greift sie zum Schluss sogar an: Du weißt nicht, wer ich bin; du ahnst nicht einmal, wer ich bin. Er wird geradezu größenwahnsinnig. Es ist die Bindungslosigkeit des Mannes, die Angst vor Dauerhaftigkeit. Da kommt Senta die Idee: Jetzt sprenge ich alles in die Luft. Bevor das Alte nicht weg ist, kann nichts Neues wachsen. Das will ich mit dem Aussetzen der Musik verfremden.

Die Angst des Holländers vor Bindung - haben Sie sich da vielleicht ein bisschen mitinszeniert?

Konwitschny: Natürlich. Denn ich würde das alles nicht verstehen, wenn ich die Erfahrung nicht selbst hätte.

Sie wohnen in Hamburg. Aber Ihr Mittelpunkt dort ist Ihnen durch den Intendantenwechsel an der Oper verloren gegangen.

Konwitschny: Ja, es kommt jetzt für mich ein neuer Abschnitt. Ich weiß noch nicht genau, wo ich meinen zukünftigen Wohnort haben werde. Beinahe wäre es Moskau geworden, ich hatte mich dort in eine Frau verliebt. Wenn ich nicht solche Bindungsangst hätte . . .

Immer die gleichen Leiden . . . Ziehen Sie daraus Ihre schöpferische Kreativität?

Konwitschny: Ja. Das ist verrückt. Damit bin ich erfolgreich. Damit sichere ich - und das nicht schlecht - meine Existenz.

Gibt es eine Verabredung mit München für die Ära Nagano/ Bachler?

Konwitschny: Klaus Bachler ließ mir ein Angebot zukommen: eine Händel-Oper, 2007/08. Aber das geht nicht, ich bin bis 2010 ausgebucht.

Und was ist mit der Bayerischen Theaterakademie?

Konwitschny: Mit Klaus Zehelein gibt es eine Verabredung. Hier inszeniere ich etwas. Es ist einfach schön, den jungen Menschen das Eigentliche des Theaters bewusst zu machen: dass wir auf der Bühne als Menschen über Menschen sprechen und dass alle Ästhetik nur Mittel zum Zweck ist.

Das Gespräch führte Sabine Dultz

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