So war das alles nicht gemeint

München - Offensichtlich ist da etwas schiefgelaufen. Gut, der Monumentalstil à la Karajan und Richter, der Bach mit schwerblütigen Tempi und großer Besetzung zelebrierte, ist passé - angestachelt vor allem durch Aufführungsrevoluzzer Nikolaus Harnoncourt. Doch die Gegenbewegung schoss übers Ziel hinaus: Im krampfigen Bemühen, nur ja nicht unter Romantikverdacht zu geraten, erschöpft sich gerade das Weihnachtsoratorium, wie wir diesen Monat wieder erleben werden, im harmlos hopsenden Heiteitei.

"Swingend" rühmt sich das dann, "tänzerisch" oder "schlank musiziert". Eine Auffassung, die letztlich aufs zeitgeistige "Easy Listening" setzt: Das geht sofort ins Ohr. Und die Inhalte? Harnoncourts Neuaufnahme des Kantaten-Hits kommt da gerade recht. Eine Einspielung, die so klingt, als ob der 78-Jährige (!) seinen musikalischen Söhnen und Enkeln zurufen möchte: Moment, so war das alles nicht gemeint.

Der Live-Mitschnitt mit dem Concentus Musicus und dem Arnold-Schönberg-Chor entstand vor einem Jahr im Wiener Musikverein. Und was als Allererstes aufhorchen lässt, sind die Tempi. Wo die Kollegen das "Jauchzet, frohlocket" oder "Herrscher des Himmels" ganztaktig begreifen, bremst Harnoncourt das Geschehen aus. Ebenso in den "Ehre"-Chören (die ja viele nur als Turbo-Leistungsschau präsentieren) und in manchen Arien.

Man ist irritiert - und erstaunt. Hörbar wird plötzlich, wieviel sonst bei all der windschnittigen Rasanz verloren geht. Welche Mittelstimmenarbeit möglich ist, welche unverzichtbaren Gegenbewegungen und instrumentalen Dialoge Bach in die Partitur geschrieben hat. Harnoncourt demonstriert etwa im "Herrscher des Himmels", dass die Oboen genauso wichtig sind wie die im Klischee des "festlichen Barock" dominierenden Trompeten.

Keine Nummer wird zum metronomischen Selbstläufer, nie rastet das Tempo einfach ein. Die Arie "Flößt mein Heiland" gerät immer wieder ins Stocken, nicht nur im Schlusschoral findet Harnoncourt zu weichen Phrasierungen, die dem Stück alles Martialische verweigern. Gerade hier wird Harnoncourt - bei allen Unterschieden - zum Geistesverwandten Celibidaches, der Musik stets aus der Entspannnung entstehen ließ.

Von der Solistenbesetzung stand Harnoncourt das Bestmögliche zur Verfügung: Christine Schäfer (Sopran), Bernarda Fink (Mezzo), Werner Güra (Tenor), Gerald Finley (Bariton-Soli in den Kantaten eins bis drei) und Christian Gerhaher (Kantaten vier bis sechs). Vor allem Finley singt überwältigend, auf Platte  sind diese Nummern wohl nicht  besser  zu hören.

Vieles an Harnoncourts Neuaufnahme mag verstören. Aber sie zwingt zum Hinhören und zur Stellungnahme - im Grunde ja das Beste, was einer Interpretation passieren kann. Einzigartig ist ihre Verbindung von Textauslegung ohne Theatralik, kantabler Phrasierung ohne Verspannung und Klangrhetorik ohne Manierismus. Die CD sei daher dringend empfohlen: dem Konzertgänger als kritische Grundlage. Und den Ausführenden, damit sie erleben, was ihnen in den letzten Jahren alles abhanden gekommen ist.

Johann Sebastian Bach:

Weihnachtsoratorium. Concentus Musicus, Nikolaus Harnoncourt (BMG).

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