Der alles sagende Moment

- Was Beuys für die Kunst war, war Henri Cartier-Bresson für die Fotografie. Er begründete aber nicht nur die soziale Fotoreportage, sondern prägte auch den gesamten Begriff des Fotojournalismus. Schnell stieg er zur Ikone auf; noch bevor er 40 wurde, widmete ihm das New Yorker Museum of Modern Art eine Retrospektive. Seitdem wurde er, gegen seinen Willen, gegen seine Bescheidenheit, als lebender Mythos verehrt. Wenige Tage vor seinem 96. Geburtstag am 22. August ist Cartier-Bresson in Ile-sur-Sorgue bei Marseille gestorben und wurde dort bereits beigesetzt. Im Berliner Martin-Gropius-Bau, wo gerade eine große Cartier-Bresson-Ausstellung läuft, liegt ein Kondolenzbuch aus.

<P>Den vielen Aufwand um seine Person hätte Cartier-Bresson sicher nicht geschätzt. Er war der unauffällige Beobachter, der stets im richtigen Moment unversehens seine kleine Leica zückte. Dass dabei neben knallharten Sozialdokumenten auch messerscharfe und stimmige Kompositionen herauskamen, hat er vielleicht seiner ersten Ausbildung zum bildenden Künstler zu verdanken.</P><P>1908 in Chanteloup bei Paris geboren, studierte Cartier-Bresson zunächst Malerei und sattelte 1930 auf die Fotografie um. 1933 hatte er bereits seine erste eigene Ausstellung. Es war von Anfang an die Sozialreportage, die ihn auch auf seinen Reisen interessierte. "Bildergeschichten sind Ergebnisse der Zusammenarbeit von Kopf, Augen und Herz", postulierte er.</P><P>"Bildergeschichten sind Ergebnisse der Zusammenarbeit von Kopf, Augen und  Herz."<BR>Henri Cartier-Bresson</P><P>Ab Ende der 30er-Jahre probierte er sich im Filmmetier aus: ebenso unbestechlich und engagiert. Kurz war er Regieassistent von Jean Renoir, dann folgten seine eigenen Forschungen. "Victoire de la vie" (Sieg des Lebens) betitelte er seinen Einblick in die Spitäler des kriegsgeschüttelten Spaniens. Das nächste Dokument wurde eine Abrechnung des Widerständlers mit den Kriegsjahren und der Gefangenschaft in Deutschland: "Dessau, Deutschland 1945" ist die Geschichte der Heimkehrer.</P><P>Daneben aber ließen diesen stillen, hartnäckigen Beobachter und Mahner sozialer Missstände die schönen Künste nicht los. Porträts von Matisse, Bonnard, Braque und Claudel fügten der Politikgeschichte die Kapitel Kunst und Persönlichkeit bei. Stets in Schwarz-Weiß und nie gestellt, waren es die Momente absoluter Komposition, die er aufspürte. 1947 prägte Cartier-Bresson den Begriff vom "entscheidenden Augenblick", der aus einer Szene den Hundert-Millionen-Dollar-Schuss macht. Die Korrespondenz mit der umgebenden Umwelt, die gesellschaftliche Einbindung, primär aber einfach das Lauern auf den richtigen Moment ließen die Aufnahmen, unberührt von allen technischen Fortschritten, zur Fotogeschichte werden. Ghandis Ermordung, der Aufbau der Berliner Mauer - die Bilder gingen um die Welt.</P><P>1947 gründete Henri Cartier-Bresson mit einigen Kollegen die legendäre Agentur "Magnum Photo", die mit dramatischen Reportagen über die Ungerechtigkeiten in kapitalistischen und kolonialen Ländern sowie über imperialistische Kriegsverbrechen erschütterte. Auch hier war es wieder die Konzentration auf den alles sagenden Moment, der die Bilder zu gefragten Geschichten in den Illustrierten machte. Das belegen auch die schwarz geränderten Abzüge: Bei Cartier-Bresson gab es nur die Totale, keine Auszüge, keine Ausschnitte, keine Vergrößerungen. Der Fotograf war sekundengenau am Ort. Ohne Farbe, ohne Schnickschnack, ohne Arrangement. Genau das entsprach dem ganzen Menschen Cartier-Bresson, der sich ab Mitte der 70er-Jahre wieder der Malerei zu- und vom Rummel abwandte: "Über Fotografie gibt es nichts zu sagen. Man muss hinsehen."</P><P>Die große Cartier-Bresson-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau wird wahrscheinlich über den 15. August hinaus verlängert. Infos unter Tel. 030/ 254 86-0 oder www.berlinerfestspiele.de</P>

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